9. September 2016

Beitrag

von PierrotLeFou

Vor 50 Jahren: Truffauts erster Farbfilm – Ein Sci-Fi-Klassiker aus Großbritannien

Fahrenheit 451 (1966)

Zu den Hauptwerken des vor allem mit seinen pointierten, phantastischen Kurzgeschichten berühmt gewordenen Schriftstellers Ray Bradbury zählt fraglos der dystopische Kurzroman "Fahrenheit 451" (1953), der eine Gesellschaft ohne Bücher schildert, in der Bücher als gefährlich gebrandmarkt & verb(r)annt und Leser gejagt werden, derweil alle vor interaktiven Fernsehspielen zu verdummen scheinen. Es ist teilweise durchaus ein etwas konservativer Roman, der das Lesen wertschätzt und das Betrachten bewegter Bilder geringschätzt. Dennoch wurde dieser Sci-Fi-Klassiker verfilmt, wenn auch zwischen den zwei großen Sci-Fi-Wellen in den 50er und in den 70er Jahren. In den 60er Jahren, als die Zahl der nennenswerten Sci-Fi-Filme etwas sank und ein hoher Anteil der großen Meisterwerke aus Europa - insbesondere aus Frankreich und Großbritannien - kam, nahm sich Francois Truffaut des Stoffes an: 1960 erfährt er von Bradburys Roman und beschließt dessen Verfilmung, legt aber noch zwei andere Lang- und zwei Kurzfilme vor, ehe es 1966 soweit ist.

Truffauts "Fahrenheit 451" am 7. September 1966 im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele von Venedig uraufgeführt befindet sich in der etwas schizophrenen Position, als Film das Lesen, das sprachliche Geschichtenerzählen (und das Geschichtenhören) verherrlichen und zugleich das Schauen verdammen zu müssen (wobei es doch eigentlich eher um eine Unterscheidung kritischer, intellektueller und eskapistischer Inhalte geht, die hier aber mit einer Unterscheidung zwischen den - nicht einmal scharf abgegrenzten - Medien Buch/Literatur und Bewegtbild gleichgestellt wird); der ohnehin an Literatur (und Literaturverfilmungen) interessierte Truffaut - der in der Vorbereitungszeit zu "Fahrenheit 451" allerdings im Rahmen seines berühmten Hitchcock-Interviews die Aussage tätigt, dass der Film mittlerweile den Rang hoher Literatur erreicht habe (wobei er Hitchcock mit Dostojewski und Poe verglich, gleichwohl er einmal gesagt hatte, dass die Briten keine guten Filme drehen könnten) - unternimmt diesen etwas irritierenden Versuch vor allem deshalb, weil er im Hinblick auf die Bücherverbrennungen den Nationalsozialismus im Hinterkopf hat. (Oskar Werner, sein schon aus "Jules et Jim" (1962) bekannter Hauptdarsteller, wird ihn später scharf attackieren und ihm vorwerfen, ein völlig schiefes Bild der Nazis und ihrer Bücherverbrennungen im Kopf gehabt und auf die Leinwand gebracht zu haben.) Seinen Film lässt er sogar mit gesprochenen, nicht verschriftlichten Credits beginnen, derweil Bilder von Antennen zu sehen sind. Damit verweist Truffaut unweigerlich auf den noch jungen Klassiker "Le mépris" (1963) seines Kollegen Jean-Luc Godard (mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verband, die allmählich ins Kriseln geraten war und im Mai 1968 enden sollte). Und dennoch ist der erste Farbfilm des Nouvelle Vague-Vertreters (der 1962 endgültig zu den wichtigsten Figuren der europäischen Filmszene gehörte und sich in diesem Jahre mit dem traditionelleren Filmemacher Roger Vadim eine unterhaltsame Schlammschlacht lieferte, welche beiden Künstlern reichlich Medienpräsenz bescherte) wahrlich kein Nouvelle Vague-Film geworden. Das kostenspielige Projekt sollte zu einer Zeit, in der auch Godard (der Mitte der 60er Jahre wie Truffaut das Angebot erhielt "Bonnie and Clyde" zu inszenieren) in den USA und in Großbritannien tätig wurde, wegen seiner hohen Produktionskosten in den USA entstehen. Dass Truffaut wegen der Trennung von seiner Partnerin und aufgrund des relativen Misserfolges von "La peau douce" (1964) ohnehin danach strebt, Paris zu verlassen, spielte in diese Überlegung auch mit hinein. Paul Newman war im Gespräch, später wurde dann Terence Stamp eingespannt. Auch Jane Fonda, die schon wegen "Bonnie and Clyde" in Kontakt mit Truffaut stand, sollte mitwirken. Letztlich entsteht der Film - der letztlich weder Nouvelle Vague, noch New Hollywood sein sollte - jedoch im Swinging London, das zu dieser Zeit für ausländische Regisseure recht reizvoll war; Julie Christie bekommt eine Doppelrolle, weswegen Jane Fonda aus dem Spiel ist - mit ihr geht auch Terence Stamp, der sich angesichts der Doppelrolle seiner Kollegin zur Nebenfigur degradiert wähnt. Stamps Rolle übernimmt schließlich Oskar Werner, der zuvor für eine andere Rolle in diesem Projekt vorgesehen war, und als Komponisten kann Truffaut Bernard Herrmann gewinnen, während Nicholas Roeg als Kameramann zum Projekt hinzukommt. Mit neuen Kollegen, neuen Stars, (durchschaubaren) Trickeffekten und dem Einsatz von Farbe dreht Truffaut nun seinen "Fahrenheit 451", den er vor Jahren als einen seiner persönlichsten Filme geplant hatte. Nun jedoch weicht er von seiner üblichen Arbeitsweise ab, improvisiert nur ein einziges Mal gegen Ende der Dreharbeiten. Herausgekommen ist ein höchstgradig schizophrener Film: Ein vermeintlich persönlicher Film eines Nouvelle Vague-Autorenfilmers, der sich nun an traditionellere, konventionellere Arbeitsweisen anpasst; ein Film für die Literaturfreunde, der dem Bild gegenüber eine skeptische Haltung einnimt; ein Truffaut-Film, der wie ein Roeg-Film aussieht; ein futuristischer Sci-Fi-Film, der mehr auf die Vergangenheit (mit ihren Slapstick-Stummfilmen einerseits, ihren Bücherverbrennungen der Nazis andererseits) und weniger auf die Zukunft blickt; und ein Film, der mit einer utopischen Hoffnung endet, die auf viele Kritiker recht befremdlich wirkte: Passive Büchermenschen, die außerhalb der Zivilisation ausschließlich ihre auswendig gelernten Wälzer runterleiern können, bilden kaum eine Gesellschaft, die sich von der Dystopie bücherhassender Liebhaber interaktiver Fernsehshows sonderlich unterscheidet. "Fahrenheit 451" ist sicherlich nicht Truffaust bester Film, sicherlich auch kein Höhepunkt des Genres, in welchem selbst in den wenig ergiebigen 60er Jahren dank Jean-Luc Godard, Chris Marker, Stanley Kubrick, Sidney Lumet, Joseph Losey, Peter Watkins (oder vielleicht auch noch George Pal und Franklyn J. Schaffner) weit gelungenere Beiträge entstanden sind; aber es ist zumindest eine typische Kuriosität des britischen Kinos der 60er Jahre.

Professor Moriarty findet in seinem Review allerdings lobende Worte und weist auf die Stärken des eigenwilligen Werkes hin.

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