Review

„Solides aus dem Genreregal"

Blutige Rache im Kino scheint wieder salonfähig zu werden. Lange Zeit fristete die brisante Thematik ein verpöntes Dasein in den hintersten Videothekenecken. Im B- und C-Bereich tummelten sich vornehmlich reaktionäre und gewaltverherrlichende Machwerke, die nicht das geringste Interesse an einer psychologischen Durchdringung des kontroversen Stoffes zeigten. Dass dies nicht so bleiben muss, bewiesen unlängst zwei Kinofilme, die - mit unterschiedlichem Erfolg - versuchten, die seelischen Hintergründe und Auswirkungen von Selbstjustiz auszuloten. Neil Jordans Die Fremde in dir und James Wans Death Sentence bemühten sich abseits der üblich en Gewaltszenen auch um ein psychologisches Profil ihrer jeweiligen Rächer. Und die Direct-to-DVD-Szene zog nach. Straightheads mit dem Akte X-Star Gilian Anderson schlägt in die selbe Kerbe. Auch Til Schweigers aktuellster US-Film Rache gehört in diese Kategorie. Der Titel ist hier durchaus Programm.

Der erfolgreiche Architekt Tom Archer (Ron Eldard) muss gleichzeitig zwei Schickschalschläge hinnehmen: die Ermordung seines Sohnes und die Vergewaltigung seiner Ehefrau. Vom Täter fehlt jede Spur. Als die Polizei die Ermittlungen mangels Fortschritten und wegen Personalnotstand einstellt, ist der traumatisierte Archer am Boden zerstört. Auch der durch die Polizei vermittelte Psychiater Dr. Heller (Christopher Plummer) scheint machtlos. Doch er hat noch ein Ass im Ärmel. Es gäbe Möglichkeiten, um der Gerechtigkeit doch noch auf die Sprünge zu helfen. Nicht ganz legal, nicht ganz billig, aber sprichwörtlich todsicher und „befreiend". Der verzweifelte Archer ergreift den Strohalm und wird auf ein verlassenes Fabrikgelände gelotst. Dort gelangt er in einen Raum mit allerlei Folterwerkzeug. In der Mitte sitzt ein geknebelter und gefesselter Unbekannter. Als er den Mörder und Vergewaltiger seiner Familie „bearbeitet", macht er eine folgenschwere Entdeckung. Seinem Opfer fehlt eine Tätowierung, die Archer beim Täter gesehen hat, als dieser ihn niederschlug. Foltert er etwa den falschen Mann? Seine Geschäftspartner jedenfalls sind sich sicher und bestehen darauf, dass er die „Sache zu Ende bringt".

In seinem Regiedebüt bedient sich Joe Otting fröhlich im Genreregal. Ein bisschen Death Wish, ein bisschen Ein Richter sieht rot und Calahan sowie eine ordentliche Prise Saw und Hostel, schließlich weiß man, was gerade hip ist. Das ganze ist psychologisch nicht sonderlich ausgefeilt, aber beileibe auch keine tumbe Gewaltverherrlichung. Archer erinnert sicherlich etwas an Fosters Figur aus Die Fremde in Dir, wobei allerdings weder Darstellung noch Drehbuch dem Vergleich standhalten können. Obschon der Film mit Hilfe zahlreicher Rückblenden recht ausführlich Motivation und Seelenzustand Archers thematisiert, kratzt er hier nur an der Oberfläche. Vor allem das Ende kann in diesem Punkt kaum überzeugen. Andererseits hebt sich Rache auch wohltuend von der perfiden Verlogenheit der als Selbstjustizdrama getarnten Bruthalo-Action von Death Sentence ab. Archer findet keinen rechten Gefallen an seinen Folterspielen und auch die Actionsequenzen auf der Hatz durch den verlassenen Industriekomplex weiden sich nicht an drastischen Gewaltexzessen.

Schauspielerisch bewegt sich der Film für eine B-Produktion auf ansprechendem Niveau ohne Glanzlichter zu setzten. Immerhin kann der Film mit ein par bekannten Namen aufwarten: neben Altstar Christopher Plummer, der solche Rollen inzwischen offenbar auf Autopilot spielt, kennt man auch Patrick Kilpatrick (als Polizist) und aus deutscher Sicht vor allem Til Schweiger. Wie in den meisten seiner US-Produktionen mimt er auch hier wieder recht überzeugend den kompromisslosen Bad Guy. Hauptdarsteller Ron Eldard (Black Hawk Down) gibt eine passable Vorstellung als traumatisierter Rächer.

Die solide Story wird ohne größere Logiklöcher oder ermüdenden Leerlauf erzählt. Für einen B-Film bewegt man sich hier klar über dem Durchschnitt. Obschon man Ähnliches schon häufiger und reißerischer gesehen hat, gelingt Otting eine ordentliche Spannungskurve. Das ist auch der guten Kameraarbeit geschuldet, die gekonnt für eine düstere Atmosphäre sorgt. Die ein zwei Storytwists kommen allerdings für Genrefreunde nicht sonderlich überraschend daher, vor allem Plummers und Kilpatricks Rollen sind relativ leicht zu durchschauen. Insgesamt ist das ganze Spektakel durchaus unterhaltsam geraten und hebt sich wohltuend von vergleichbaren Werken unseres Aikido-Moppelchens oder des schwedischen Eisbergs ab.

Fazit:
Joe Ottings Rache schwimmt auf der aktuellen Welle von Selbstjustizreißern wie Die Fremde in Dir oder Death Sentence. Das brisante Thema erfährt einen psychologischen Unterbau, ohne dabei allerdings allzu sehr in die Tiefe zu gehen. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem kontroversen Stoff findet letztlich nicht statt. Andererseits gibt es aber auch keine als Drama getarnte Gewaltorgie zu bestaunen. Fans beider oben genannten Filme seien also vorgewarnt.
Rache ist ein solider B-Thriller, nicht mehr und nicht weniger. Dazu finden sich ein paar Reminiszenzen an die aktuell so beliebte Folterfilmwelle. Ohne viel Aufwand inszeniert, wird die nicht sonderlich innovative Story zügig und spannend erzählt. Actionthrillerfans ohne überhöhte Ansprüche werden auf ihre Kosten kommen.

(6/10 Punkten)

Details
Ähnliche Filme