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Das Männerkino der 60er brachte so einige prominent besetzte Ensemblestücke hervor, darunter Western wie „The Professionals“ und „Die glorreichen Sieben“ und Kriegsfilme wie „Das dreckige Dutzend“ oder eben „Gesprengte Ketten“.
Ähnlich wie z.B. der zwei Jahre zuvor entstandene „Die Kanonen von Navarone“ macht „Gesprengte Ketten“ einen Unterschied zwischen deutschen Soldaten und Nazis. Der Kommandant des Camps, in das man alle Profiausbrecher unter den alliierten Kriegsgefangenen steckt, gehört zur ersteren Sorte: Ein Offizier der alten Schule, ein Gentleman, der den amerikanischen Befehlshaber der Gefangenen anweist doch bitte erst gar keine Ausbruchsversuche in dem angeblich ausbruchssicheren Camp zu starten, während dieser nur erwidert es sei die Pflicht eines Offiziers es zu versuchen. Beide sehen den Krieg noch als ehrenhafte Angelegenheit, da sprechen später auftauchende Gestapo-Offiziere eine ganz andere Sprache.
Tatsächlich erweisen sich die ersten Ausbruchsversuche der Inhaftierten als fruchtlos – dabei hat man ja gerade die Besten hier versammelt. Doch der nur als „Big X“ bezeichnete Roger Bartlett (Richard Attenborough) plant schon kurz nach seiner Verlegung das Unfassbare: Man will nicht einfach nur fliehen, sondern bei dem beispiellosen Ausbruch soll die unglaubliche Menge von 250 Mann ausbrechen. Das hat anfangs noch spielerischen Abenteuerfilmcharakter – erst der erste Tote unter den Gefangenen ändert langsam den Tonfall von John Sturges’ Film.

Drei Tunnel werden gegraben, Ausweise gefälscht, zivil aussehende Klamotten hergestellt, gleichzeitig hält man die Fassade für die wachsamen Deutschen aufrecht, doch der Plan ist vor Rückschlägen nicht gefeit…
Der als „King of Cool“ bekannte Steve McQueen spielt hier Captain Hilts, der dann passenderweise den als „Cooler King“ bezeichnet wird – nominell natürlich, weil er so oft in Einzelhaft gesteckt wird. Charles Bronsons hier noch in einer frühen und überraschend sensiblen Rolle, James Coburn, James Garner als schlitzohriger Pilot, Donald Pleasance als Fälscher – die Prominenz der Besetzung ist enorm, doch die Darsteller sind nicht allein um ihres Namens willen vor Ort, sondern spielen auch mit soviel Elan, dass es eine wahre Freude ist.
„Gesprengte Ketten“ dauert fast drei Stunden, ist aber über diese nicht unbedingt kurze Länge hinweg durchweg fesselnd, denn John Sturges versteht es sein enormes Geflecht aus Figuren und Subplots so zu tarieren, dass fast jeder kleine Nebenaspekt fesselnd, aber dennoch nie zuviel Zeit frisst. Die Frage nach gefälschten Ausweisen und Zivilklamotten wird weder als Kleinigkeit abgetan noch zum Zeitfresser aufgeblasen, sondern kurze, prägnante Szenen erklären wie die Gefangenen mit dieser Frage umgehen, ohne dass es irgendwann ermüden würde, was bei zu großer Akribie ebenfalls eine Gefahr wäre.

Das Verständnis, dass der Teufel oft im Detail steckt, ist über weite Strecken Motor des Films: Details, auf welche die Ausbrecher achten müssen, Details, die den Wachen auffallen, Details des Plans, die sich ändern – es sind diese Kleinigkeiten, die das Wechselspiel zwischen alliierte Gefangenen und deutschen Bewachern so überaus spannend machen und aus denen Sturges’ Film einen maximalen Effekte herausholt, ohne jedoch dabei die Figuren zu vergessen. Aufgrund des Ensemblecharakters werden manche nur grob umrissen, doch sie sind alle markig genug um Eindruck zu hinterlassen und den Zuschauer zum Mitfiebern anzuhalten, denn trotz des anfangs eher lockeren Zufalls macht „Gesprengte Ketten“ spätestens im letzten Drittel, bei der tatsächlichen Flucht, überaus klar, dass dies kein Spiel ist.
Das Finale schildert dann schlussendlich verschiedene Fluchtwege und nicht alle Figuren erleben die Endcredits. Teilweise ist der Gegensatz zum vorigen Film etwas krass (gerade der Ausbruchsversuch am ersten Tag hat schon etwas spielerisches, sowohl auf der Seite der potentiellen Ausbrecher als auf Seite derer, die ihn verhindern) und einige Szenen, z.B. die weltbekannte, halsbrecherische und extrem spannende Verfolgungsjagd zwischen Hilts auf dem Motorrad und seinen Häschern sind in erster Linie um der Schauwerte willen da, doch das schmälert den Eindruck des immer noch extrem dichten Schlussstückes des Films nicht.

„Gesprengte Ketten“ ist großes Kino, trotz epischer Länge absolut fesselnd, dramatisch wie humorvoll und in seiner detaillierten Beschreibung des im Original titelgebenden Ausbruchs vor allem eines: Ausgesprochen spannend.

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