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Coolness und Eskapismus sprengt alle Ketten

Coolness kannst du nicht lernen und schon gar nicht spielen. Quentin Tarantino weiß das sehr genau, schließlich hat er keinen anderen Darsteller häufiger besetzt als Samuel L. Jackson. Den endgültigen Beweis lieferte er allerdings unlängst ganz ohne seinen mimischen Dauerbrenner. In „Once upon a time in Hollywood“ träumt der abgehalfterte Serien- und Westernstar Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) vom vermeintlich knapp verpassten Durchbruch zum Superstar-Olymp. Für ganze 5 Minuten stand er angeblich auf der Castingliste für die Hauptrolle im Weltriegsabenteuer „The Great Escape“. Bekanntlich der Film, der seinerzeit einen gewissen Steve McQueen in eben jenen Olymp katapultierte. In einem tricktechnischen Bravourstück schneidet er Dalton an Stelle von McQueen in eine der bekanntesten Szenen des Films und DiCaprio beweist sein Ausnahmetalent, indem er offenkundig Coolness "spielt". Sieht man im direkten Vergleich die Originalsequenz, wird der Unterschied noch viel deutlicher. Während Dalton alias DiCaprio seine coolen Sprüche sichtlich genießt und betont akzentuiert vorträgt, desavouiert McQueen seinen Gegenüber vor allem durch Mimik und Körpersprache. Obgleich Insasse in einem berüchtigten Gefangenenlager der Wehrmacht, nimmt er die verbale Auseinandersetzung wie einen sportlichen Wettkampf, bei dem er sicher ist, noch ein Ass im Ärmel zu haben.

„The Great Escape“ gilt bis heute vielen als der ultimative Steve McQueen Film, was einigermaßen überraschend ist, denn seine Rolle ist gar nicht mal so groß. Vielmehr ist er Teil eines auch damals schon namhaften Ensembles (u.a. James Garner, James Coburn, Richard Attenborough und Charles Bronson). Allerdings sticht seine Rolle schon rein erzählerisch heraus. Zwar ist Captain Hilts ebenso wie seine Mitgefangenen alliierter Luftwaffenoffizier mit einer durchaus bemerkenswerten Ausbruchshistorie. Aber anders als der Rest zeigt er wenig Interesse an dem gemeinschaftlich ausgeklügelten Fluchtplan mittels selbstgegrabener Tunnel. Aufgrund seiner aufmüpfigen Art verbringt er ohnehin die meiste Zeit in Einzelhaft und ist so weder an Planung, noch an Vorbereitung und Durchführung der komplexen Fluchtaktion beteiligt.

Dennoch ist er Herz und Seele des Films. Seine Respektlosigkeit und Nonchalance mit der er selbst den größeren Widrigkeiten begegnet hat etwas Ansteckendes und Motivierendes. McQueens Schauspielstil verstärkt diese Attitüde noch zusätzlich. Sich selbst sah er nach eigenem Bekunden mehr als „reactor“ denn als „actor“, was bereits sehr viel über seine Wirkungsmächtigkeit als Filmikone aussagt. Sein Captain Hills funktioniert exakt nach diesem Credo. Er hört sich die Ausführungen seiner Gegenüber an, bevor er etwas meist Spärliches auf saloppe Art erwidert. Ähnlich reagiert er auf Situationen, denen er sich nie resigniert fügt, sondern die er für seine Pläne nutzbar macht. Seine ganze Haltung hat etwas betont Rebellisches und Subversives, aber vorgetragen mit einer Lässigkeit, vor der Freund wie Feind gleichermaßen kapitulieren.

„The Great Escape“ lohnt also schon allein wegen Steve McQueen und seiner so unwiderstehlichen wie lückenlosen Beweisführung was eine Filmikone ausmacht. Darüber hinaus ist John Sturges Abenteuerepos nicht umsonst zum filmischen Evergreen avanciert, der beispielsweise bis heute zum Pflichtrepertoire des britischen Weihnachtsprogramms zählt. Natürlich haben Ausbruchsfilme (u.a. „Die Verurteilten“, „Flucht von Alcatraz“, „Papillon“) stets einen besonderen Reiz, bedienen sie doch universelle menschliche Sehnsüchte wie Freiheitsdrang, Individualismus und Tatkraft. Auch das Setting des Zweiten Weltkriegs, bei dem Gut und Böse noch klar unterscheidbar scheinen, triggert nicht nur im angloamerikanischen Raum, wenn auch nostalgisch verklärt, die Sehnsucht nach einer „guten alten Zeit“.

Aber abseits dieser nicht zu unterschätzenden Pluspunkte ist "The Great Escape" vor allem ein gekonnt geplotteter und inszenierter Film. Die Handlung folgt der klassischen Dramaturgie wie man sie auch aus dem Theater kennt. In der Exposition lernen wir die maßgeblichen Handlungsträger (Captain Hilks und weitere alliierte Flieger sowie Lagerkommandant Oberst von Luger) sowie Ort (Stalag Luft III) und Umstände der Handlung (alliierte Ausbruchsprofis werden bewusst in einem Lager zusammen gefasst) kennen. Im zweiten Akt werden die Ziele der handelnden Personen deutlich, die einen Konflikt hervorrufen beziehungsweise bedingen (Ausbruchsplan via zu grabender Tunnel versus besonders ausbruchssichern Lager mitsamt entsprechend geschultem Personal). In der Peripetie spitzt sich der Konflikt schließlich zu (einer der drei Tunnel wird zufällig entdeckt, die Gefahr einer Entdeckung des Plans steigt) bevor nach einem retardierenden Element (immerhin knapp 80 von 250 Gefangenen gelingt die Flucht) alles in ein katastrophales Finale mündet (alle werden wieder gefasst und bis auf drei sogar getötet).

Der erfahrene John Sturges (er hatte davor bereits über 20 Filme gedreht) konnte sich also auf ein kompetent entwickeltes Skript stützten, verstand es darüber hinaus aber auch sehr geschickt das Tempo in den richtigen Momenten wieder anzuziehen und den überlangen Film (knapp 3 Stunden) zum kurzweiligen Unterhaltungsspektakel zu machen. Einige Längen während der Planungsphase und kurz vor dem eigentlichen Ausbruch fallen so kaum ins Gewicht, zumal der spielfreudige Cast (neben McQueen sorgt insbesondere James Garner für auflockernde Heiterkeit in dem eigentlich bedrückenden Szenario) und Elmar Bernsteins beschwingte Filmmusik zusätzlich für Schwung sorgen.

Vor allem aber sorgt der ständig von Entdeckung bedrohte Fluchtplan mitsamt seiner praktischen Umsetzung schon allein für enorme Spannung. Und obwohl der negative Ausgang der als Vorbild dienenden historischen Begebenheit bekannt ist, gelingt es Sturges das für diese Stoffe so typische wie essentielle Mitfiebern zu erzeugen. Das erklärt auch den Ruf des Films als Kriegsabenteuer, obgleich Kriegsdrama ein ebenso passendes, wenn nicht sogar das treffendere Etikett wäre. Auch hier spielt Steve McQueens Figur wieder die entscheidende Rolle. Wenn er sich während seiner Bunkerhaft die Zeit mit Baseball-Ping Pong vertreibt, bei seinen Fluchtversuchen Freund wie Feind zugleich verärgert und imponiert, sich zudem von keiner Seite instrumentalisieren oder unterkriegen lässt, dann ist der Weg zum Swashbuckler des klassischen Abenteurers aka Errol Flynn oder Stewart Granger nicht mehr weit. Die legendäre Motorradflucht über die bayerischen Wiesen (die Innenaufnahmen des Films entstanden ausnahmslos in den Bavaria Filmstudios und die Außenaufnahmen vornehmlich im Allgäu) mag dafür der offenkundigste Beleg sein, aber es ist vor allem McQueens ureigene Coolness, die Film und Figur den beschwingten Unterton verpassen, der für den bis heute gültigen Ruf beider maßgebend ist. „The Great Escape“ ist damit in mehrfacher Hinsicht Eskapismus pur. McQueens Spiel oder besser Persona lässt einen für eine Weile sogar die filmimmanente Realität vergessen. Das kann man nicht lernen, das muss man sein.

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