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Sie waren nicht gerade in der Überzahl: Die Bücher, welche man zu Ostzeiten im Literaturunterricht zur Pflichtlektüre erhob und dennoch trotz des als lästig empfundenen Lesezwangs regelrecht verschlungen hatte. Dieter Nolls „Die Abenteuer des Werner Holt" mit dem Untertitel „Roman einer Jugend" gehörte bei mir jedenfalls dazu. Verwunderlich, dass der weitaus dem Sozialismus näher stehende zweite Band mit dem Untertitel „Roman einer Heimkehr", welcher die Weiterentwicklung der Hauptfigur des Werner Holt nach Kriegsende schildert, nicht im Unterricht behandelt wurde, bilden beide Teile eigentlich ein zusammenhängendes Ganzes, nämlich die Aufarbeitung der kompletten Jugend in einer Zeit, in der es auch nach dem Krieg schwer fiel, seinen Platz zu bestimmen in einer sich ständig wandelnden Gesellschaft.

Doch das wäre dann wieder ein anderes Thema und der hier vorliegende Film von den bekannten DEFA-Filmern „Roter Kreis" behandelt auch nur den ersten Teil. Das ändert jedoch nichts daran, dass aufgrund der epischen Breite der Vorlage der Film zu einem Drei-Stunden-Werk geriet und dennoch etliche Verkürzungen einiger Handlungsstränge in Kauf genommen werden mussten. Im Übrigen ist der Film jedoch eine äußerst werksgetreue Wiedergabe des Buches, und wenn man eine Kritik zu diesem Film schreibt, könnte man vieles von dem auch auf die Vorlage übertragen. Ich kann an dieser Stelle nur raten, wem der Film gefallen hat, wird um das Buch auch nicht herumkommen, es lohnt sich. Und das die DEFA mit diesem Werk bereits damals Filmgeschichte schrieb, sollte auf der Hand liegen, denn der Film lief damals auch in den bundesdeutschen Lichtspielhäusern.

Der Titel löst im ersten Moment vermutlich Irritationen aus. Der Krieg als Abenteuer? Klingt ziemlich stark nach Sarkasmus. Doch Noll, der mit der Figur des Werner Holt auch in einer Form von Autobiographie die eigenen Kriegserlebnisse schildert, will damit die einst gegebenen Illusionen, denen man sich in frühen Jugendjahren verschrieben hat, die Sehnsüchte und Wünsche, oder auch nur die Suche nach einem Ziel beschreiben. Ein Ziel, für das es sich lohnt zu leben, oder, wenn man verblendet genug ist, auch zu sterben. Ein Film, der im Gegensatz zum Buch nicht ohne Grund auf eine rein lineare Handlung verzichtet, sondern immer wieder in Rückblenden die Gedanken des Werner Holt aufgreift, warum es mit ihm so weit kommen konnte. Es verschwimmen immer wieder die Bilder vor seinen Augen, wenn er mit mechanischer Hand am Funkgerät sitzt, in seinem sturmreifen Gefechtsstand, inmitten eines sinnlos tobenden Kampfes. Der zweite Weltkrieg in seinen letzten Zügen.

Am Anfang stand einmal eine Jugendfreundschaft, die eigentlich von Beginn an Brüche unter der Oberfläche verbarg. Wenn zwei verschiedene Charaktere aufeinander treffen, muss das nicht bedeuten, dass man sich nicht versteht. Doch bereits außerhalb der Kriegsgeschehnisse wird deutlich, dass bei Werner Holt und seinem Schulfreund Welten aufeinanderprallen. Holt - der verträumte Romantiker, auf der Suche nach der großen Liebe und einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Sein Dürsten nach Zuneigung rührt zum Teil auch daher, dass er nicht bei seinen Eltern lebt, die sich zudem auch noch getrennt hatten. Auf der anderen Seite der gefühlskalte Gilbert Wolzow, mit militärischen Vorahnen in mehreren Generationen gesegnet, ein überzeugter Nationalsozialist und damit voll des Glaubens an den Endsieg.

Eine Szene zu Beginn verdeutlicht das gespannte Verhältnis zwischen Holt und Wolzow eindrucksvoll. Holt will einem HJ-Führer eine Abreibung verpassen, weil er ein junges Mädchen geschwängert und in den Freitod getrieben haben soll. Wolzow hat keine Lust, sich mit so einem gefährlichen Unterfangen abzugeben. Erst als Holt ihn energisch an seinen Treueschwur erinnert, gibt er missmutig nach. Um sein Gesicht zu wahren, erinnert er sich plötzlich daran, dass der Betroffene seine HJ-Karriere zerstört hat. Eine Szene mit Symbolcharakter - einem Wolzow befiehlt man nicht, was er tun soll, er macht es aus eigenem Antrieb und Nutzen.

In den folgenden Stationen bricht diese Widersprüchlichkeit immer deutlicher hervor. Holt weiß nur noch nicht, wie er die Ereignisse, die er im Krieg erfährt, einordnen soll. Bei den Flakhelfern entsprechen die Verhältnisse anfangs noch seinem Weltbild: Es geht um die Verteidigung des Vaterlandes hinter der Front, einer scheinbar gerechten Sache. Doch als es die ersten Toten gibt, darunter auch ein ehemaliger Schulkamerad, fängt bei ihm das großes Grübeln an. Eine Hilflosigkeit macht sich breit, die er notgedrungen dadurch bekämpft, indem er sich einreden lässt, dass ein Soldat zum Kämpfen da ist. Die Sinnhaftigkeit stellt sich dabei nicht (Zitat seines Freundes Gomulka: „Alle Soldaten müssen stur sein.")

Doch je mehr der Krieg fortschreitet, desto mehr muss Holt erkennen, dass er auf der falschen Seite steht. Er will es nur nicht wahrhaben. Eine prägende Szene, die im Gegensatz zum Buch Gott sei Dank nicht vollends in grausamen Bildern ausgeschmückt wurde, ist eine Tat der SS in einem Sägewerk: Einem Menschen wurde mit einer Kettensäge die Gliedmaßen abgeschnitten. Überall im Dorf liegen Leichenberge. Holt erhält den Befehl, einen Hausmeister und seine Tochter zu erschießen. Letztere hat einen aufdringlichen SS-Mann mit der Axt erschlagen. Doch Holt nutzt eine Gelegenheit, die beiden zur Flucht zu verhelfen. Auch wenn er immer noch auf der Seite der Deutschen kämpft, sieht man hier, wie er die bisherigen Geschehnisse mit seinem eigenen Weltbild abgleicht und Entscheidungen trifft, die dem gesunden Menschenverstand folgen.

Deshalb ist es auch nicht zu spät, als er sich dann doch gegen seinen vermeintlichen Freund Wolzow wendet. Der ihm weitaus näher stehende Sepp Gomulka ist schon längst zu den Russen übergelaufen. Holt wird ihm folgen. Doch vorher wird gnadenlos abgerechnet mit dem System, welches ihm die Jugend geraubt hat. Doch auch ein paar gut platzierte Maschinengewehrsalven können zwar für einen kurzen Moment als ein persönlicher Befreiungsschlag gelten, wird aber seinen inneren Konflikt nicht lösen können. Es wird Jahre brauchen, bis Holt begreift, wie perfide er ausgenutzt wurde.

Das eigentlich Fatale ist, dass Holts Weg immer wieder Figuren kreuzen, die ihm zeigen, dass etwas falsch läuft in diesem Land, er aber seinen Weg wie vorbestimmt weiter geht. Der Besuch bei seinem ihm fremd gewordenen Vater, der von den Nazis mit Berufsverbot belegt wurde, weil er sich weigerte, an biologischen Experimenten mitzuarbeiten, ist ein Beispiel dafür. „In den KZ vergasen sie die Leute zu Hunderttausenden", schleudert er dem verdutzten Sohn entgegen. Doch Holt will diese Botschaften nicht wahrhaben, wie die meisten in der damaligen Zeit. Und dass ein Peter Wiese, ein ehemaliger Schulfreund und für den Wehrdienst für untauglich befunden, sich einem SS-Mann bei einem Vorbeimarsch eines KZ-Todeszuges entgegenstellt und dabei sein Leben lässt, zeigt, dass es auch Helden geben kann, doch in dieser Zeit nicht jeder dazu geboren ist, einer zu sein.

„Die Abenteuer des Werner Holt" ist ein beeindruckendes, wenngleich nicht perfektes Kriegsdrama geworden, da manche Dialoge durchaus etwas hölzern wirken und auch die Darstellerriege nicht durchgängig überzeugt. Der Film ist im Endresultat auch kein klassischer Kriegsfilm. Er bietet keine ausufernden Schlachtgemälde oder explizite Gewaltdarstellungen wie die einschlägigen Genrereferenzen. Doch wozu auch, jeder kennt heute die grauenhaften Bilder des Krieges aus unzähligen Dokumentationen. Ob die fehlende Explizität der damaligen Filmepoche geschuldet war, muss man jedoch verneinen, da die Intention des Filmes in eine andere Richtung geht. Diesbezüglich gibt es starke Parallelen zu dem DEFA-Klassiker „Nackt unter Wölfen", der genauso den Fokus auf die Konflikte richtet, den schwierigen Entscheidungen, vor denen man tagtäglich stand und die oftmals den Ausschlag über Leben oder Tod gaben. Sich als heute Lebender in diese Situationen hinein zu versetzen, ist mit Sicherheit eine besondere Herausforderung, an der man aber eher scheitern als eine befriedigende Antwort für sich selbst finden wird.

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