Review

Als deutsche Antwort auf Genreprimus „Se7en“ geplant, erwies sich „Tattoo“ schnell als deutliches Plagiat des David-Fincher-Films. Regisseur und Drehbuchautor Robert Schwentke, der seine Erfahrung beim „Tatort“ sammelte, musste sich spätestens, als das desinteressierte deutsche Publikum an den Kinokassen müde abwinkte, seinen Flop eingestehen.

Nennenswert Neues fiel Schwentke auch kaum ein. Das ermittelnde Cop-Duo setzt sich aus zwei gegensätzlichen Charakteren zusammen. Der junge, frisch in den regulären Polizeidienst aufgenommene Marc Schrader (August Diehl, „23“, „Was nützt die Liebe in Gedanken“) ist nicht das Paradebeispiel eines aufstrebenden Beamten. Der sich auf Raverpartys Drogen einwerfende Polizist will nach Möglichkeit eine ruhige Kugel am Computer schieben.
Doch der raubeinige, knallharte Kommissar Minks (Christian Redl, „Der Untergang“) macht ihm da einen Strich durch die Rechnung. Mit seinen Methoden beißt er sich am neusten Fall die Zähne aus und so muss ein unauffälliger Insider her. Das ist der wenig begeisterte Schrader, der von Minks schließlich zur Zusammenarbeit erpresst wird.

Der Ablauf von „Tattoo“ verläuft genretypisch. Nach dem verhunzten Opening-Appetizer (Warum knallt in einem Thriller ein hupender, nicht bremsender (!) Bus, in eine Frau und explodiert dann in einem Flammenball?) erfolgt das erste Zusammentreffen der beiden auf einer Raverparty, ein Gespräch in einem kalten, unpersönlichen Büro findet anschließend statt. Die darauf folgenden ersten Ermittlungen führen sie in düstere Wohnungen, in denen (natürlich..) auch ein Sadomaso-Keller zu finden ist. Erst der Zufall bringt sie auf die richtige Spur – Tattoohändler.

Während das Motiv der Tattoos für einen Serienkiller neu war, folgte Schwentke optisch seinen US-Vorbildern und vergaß dabei dem Film seinen eigenen, deutschen Stil aufzudrücken. Ständig regnet es, das herbstliche Wetter vermittelt Tristesse und die dunklen Nächte verwandeln die seelenlosen Betonblöcke der Großstadt in ein gefährliches Labyrinth.
Der einzige Unterschied ist hier wirklich Letzteres. Anstatt vermodernder Slumgegenden ist hier Großstadtkolorit zu bewundern. Diese Abkehr von ohnehin nicht sonderlich vertrauenserweckenden Gegenden zur Anonymität ausstrahlenden Hochhauswohnvierteln sorgt immerhin für etwas Abwechslung im ansonsten sehr eintönigen Genre.

Klare Pluspunkte sammelt „Tattoo“ dagegen hinsichtlich seiner Charaktere und deren Wandlung. Aus dem anfangs gar nicht miteinander harmonierenden Duo entwickelt sich eine fast schon freundschaftliche Zusammenarbeit, die keiner von beiden gestehen will. Der verbitterte Minks hat den Tod seiner Frau und das Verschwinden seiner Frau nie verkraftet und stürzt sich wie ein Besessener in seine Arbeit. Diese Schwäche soll später vom Täter ausgenutzt werden.
Schrader hingegen soll nach einem schrecklichen Vorfall endlich zu wahrer Reife gelangen und seinen Job als Erfüllung betrachten. Leider öffnet er die Augen zu spät. Seine Hintergründe (Warum beispielsweise die Entscheidung Polizist zu werden) und sein kaum thematisiertes Privatleben spart Schwentke leider aus.

Die geheimnisvolle Schöne, die den jungen Cop verführt, die falsche Fährte, die zu früh zum vermeintlichen Killer führt, der Ausflug in die Kanalisation, pseudowitzige Pathologen bei der Obduktion und immer wieder detaillierte Ansichten blutiger Leichen – das alles sind berechnende Elemente, die inzwischen das A und O eines jeden Serienkillerthrillers sind und auch hier abgehandelt werden.

Immerhin überrascht „Tattoo“ mit einem konsequenten Ende, dem der überraschende Abgang eines wichtigen Charakters vorweg geht. Dem gegenüber steht jedoch ein Plot, der nie das Gefühl aufkommen lässt, dass sich die Polizei dem Killer auf irgendeine Weise nähert. Ok, die finale Auflösung erklärt dann auch warum, nur mit der Identität des Mörders beraubt der Film sich jeglicher Möglichkeiten eine annähernd temporeiche Jagd auf den Killer zu veranstalten. Das unstete Hin- und Herspringen und Folgen von Indizien fördert einfach zu wenig Nennenswertes zu Tage. Auch weil zu wenig geredet wird. Schwentke stützt sich ganz auf seine extrem düsteren, ausgebleichten Bildkompositionen und gestattet Dialoge nur dort, wo es nötig ist. Das führt dazu, dass man den Personen in ihren Handlungen kaum folgen kann beziehungsweise eine Identifizierung mit ihnen schwer fällt.
Während genreüblich der Plot zig Haken schlägt und die Protagonisten langsam zur Wahrheit führt, enttäuscht „Tattoo“ mit einer letztlich fehlenden Ausstaffierung solcher Ideen wie des Tattoomarkts.


Fazit:
Durchschnittlicher, deutscher Versuch einer Serienkillerjagd, die sich vieles bei ihren amerikanischen Vorbildern abschaut. „Tattoo“ glänzt mit guten Schauspielern und einer fast schon übertrieben düsteren Bildkomposition, ohne sich auch nur in einer Situation von der Genreverwandtschaft abzuheben. Die explizite Darstellung missgestalteter Leichen soll wohl eher für einen Skandal sorgen als erschrecken. So bleibt ein für deutsche Lande durchaus in Ordnung gehender, aufgrund mangelnder Innovativität im internationalen Vergleich nur mittelmäßiger Thriller, dem einfach die Kreativität fehlt.

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