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Spannende Arthouse-Exploitation auf erstaunlichem Niveau nennt Marcus Stiglegger Babylon – Im Bett mit dem Teufel auf Ikonen. Was das sein soll und welches Ausmaß dies annehmen kann, ist in einer Welt schwer vorstellbar, die immer noch dominiert wird von Formulierungen, die Erstaunen über die Facetten des deutschen Films preisgeben. Ich kann mich davon nicht freisprechen. Mit grundsätzlicher Liebe für deutsche Produktionen ausgestattet, schätzte ich Opas Kino wie den Autorenfilm, war jedoch lange vollkommen unbeleckt von der inzwischen schier unendlich wirkenden Zahl von herausragenden Meisterwerken, die wie ein arkaner Schatz geborgen werden müssen.
Regisseur Ralph Huettner passt so wunderbar in dieses Mosaik. Erfolgreich mit den obligatorischen Komödien, unter denen sich zweifelsfrei mit Filmen wie Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem weitere Besonderheiten finden, ist Babylon – Im Bett mit dem Teufel ein gutes Beispiel für die Verbohrtheit der Filmindustrie, in der kein Platz ist für Abweichler. Babylon sollte ein Comeback sein, mit dem Ralph Huettner nach eigener Aussage auf den Putz hauen wollte. Zuvor war er über Jahre von der Bildfläche verschwunden. Nicht etwa, weil sein atmosphärischer Alpen-Gruselfilm Der Fluch schlecht gewesen wäre, sondern weil, so berichtet Huettner, die Produktion nur ein Alibi in einem großen Deal war. Leicht vorstellbar, wie der Regisseur Raum für seinen Stoff bekam, bereits dort aber die Andersartigkeit bei stiefmütterlicher Behandlung nicht an der korrekten Adresse landete und nur ein paar Glückspilze im Kino oder bei einer Ausstrahlung in der ARD in den vollen Genuß eines außerordentlichen Werkes kamen, welches Huettner heute selbst beiläufig abwinkt.

Als lakonisch beschreibt Frank Arnold die Atmosphäre von Babylon – Im Bett mit dem Teufel im Begleittext.
Der langsame Groove eines modern instrumentierten Jazz-Stückes lässt an verrauchte Kellerkneipen denken. Statt der Einsamkeit der Berge Betonriesen und gleißendes Neon um urbanes Treiben. Die Einführung gibt verstörende Details preis. Eine Szene in der Oper. Lothar (Dominic Raacke, heute Tatortkommissar Till Ritter) verfolgt mit einem kleinen Fernsehgerät ein Tennisspiel. Seine schwangere Frau bricht zusammen, während er per Opernglas nach einer anderen (Veronica Ferres) Ausschau hält, die mit ihm vom gegenüberliegenden Balkon kokettiert. Farbspiele ähnlich denen eines Mario Bava, aus denen sich eine Krankenschwester löst und ihre rosafarbene Uniform offenbart. Auch die Chirurgen werden später blutiges Rot tragen. Es liegt eine schwüle Spannung in der Luft. Sexuelle Erregung umspielt die Figuren wie in einem Traumbild.
Babylon – Im Bett mit dem Teufel ist durchzogen von Schwangerschaft, Blut, in den Bäuchen der Frauen reißend rebellierenden Föten, gedanklich schwelgt man zu Larry Cohens Die Wiege des Bösen und Roman Polanski mit Rosemaries Baby. Lothar tritt als schmieriger Klinkenputzer auf, der wortgewandt esoterischen Klimmbimm für teures Geld an hilflose Menschen verschachern will. Mit seinem diabolischen Bart hat dies etwas vom frühen Fassbinder. Als dann die Krankenschwester Maria (Natja Brunckhorst) auf den Plan tritt, greift Jean-Luc Godards Theorie von der Pistole und der Frau. Es mag keinen rechten Sinn ergeben, aber fesselnd ist das Geschehen immer noch.

Wir sind mitten in ein dystopisches Psychogramm eingestiegen. Babylon – Im Bett mit dem Teufel führt nach einigen Debatten mit formelhaften Aufreißsprüchen schließlich zur unvermeidbaren Penetration. Maria möchte sich Lothar hingeben und räkelt sich lasziv auf dem Bett. Forcierte Filmfehler – ein Jump Cut. Dies gab es also auch schon, bevor Quentin Tarantino und Robert Rodriguez den Schmuddelkino Charme zur Kunstform erklärt haben. Wichtiger ist das geplatze Kondom auf dem Weg in die Kanalisation. Während Schwester Maria sich um gesundheitliche Aspekte sorgt, ist Lothar voll auf das Geschäft aus und redet auf seine Gespielin ein, doch Adressen aus dem Krankenhaus zu organisieren. Später wird sie über Unterleibsschmerzen klagen und viel zu spät um eine Abtreibung betteln.
Lothar ist kein Mann von Traurigkeit. Immer wieder fragt er junge Frauen, ob sie denn Schwedinnen seien. Er wickelt sie mit seiner Masche um den Finger. Wenn sich ihm eine nicht fügt, hat sie von vornherein schon zu kleine Titten gehabt. Rücksicht oder Skrupel kennt er nicht. Hat er eben noch die Krankenschwester über die Apothekerin gelobt, so läßt er sich darauf seinen brennenden Schwengel von einer eben solchen salben. Es treffen in Babylon – Im Bett mit dem Teufel zügellose Gier auf die Konsequenzen und Ängste im Zeitalter von Aids und allgemeinem Wohlstand. Wer will schon sein Leben für diesen kurzen Fick auf den Müll werfen? Es darf auf keinen Fall ein Fremdkörper im eigenen Körper zurückbleiben von diesem bisschen Spaß, Selbstbestätigung, im Grunde Selbstbefriedigung.

Selbstzweifel. Wie viel Sicherheit liegt in der Beziehung, deren Partner sich kaum sehen? Umgeben von Krankheit und Tod hilft Bequemlichkeit. Was niemand weiß, macht niemanden heiß. Entscheidungen. Nachrichten über unheilbaren Krebs. Lesbische Wünsche. Der selbstbestimmte Schritt aus dem Leben. Verantwortung. Während Lothar protzt und nimmt, brechen über Maria die Gedankengebäude zusammen. Was eben noch an David Cronenbergs Körperhorror erinnerte, weht hinfort mit dem Bild einer Dorothy in roten Nuttenstiefeln, die den Weg aus diesem zauberhaften Land sucht.
Ganz zerfließt der Horrortrip nicht. Motive werden in Babylon – Im Bett mit dem Teufel aufgenommen und schließen so an den surrealen Bilderreigen an. Verzerrungen, die offenbar ihre Begründung haben. Leid und Unglück angrenzend an eine Schizophrenie voller Ängste, Schmerzen und sadomasochistischer Andeutungen. Überlagerungen, die einen klaren Gedanken wie eine Seifenblase zerplatzen lassen.

Babylon – Im Bett mit dem Teufel ist kein Film, den man nur einmal schaut. Marie Anderson bemängelt in ihrem Artikel für Kino-Zeit die Dramaturgie als unschlüssig und verliert sich auf der Suche nach einer fundierten Hintergrundgeschichte. Das ist in etwa, wie den Film in der Mitte zu verlassen.
Wenn Ralf Huettner eins nicht will, dann sind es erzählerische Strukturen. Sein Fiebertraum profitiert gar von den monierten darstellerischen Ausdrucksformen, die surreale Absurdität verdichten. Diese ablehnende Haltung gegenüber seines Films erfuhr Huettner auch in der zeitgenössischen Presse, die Babylon – Im Bett mit dem Teufel vermutlich nicht bequem genug in eine bestehende Schublade stecken konnte.
Dabei ist es nahezu erstaunlich, was er mit dem Budget von nur 53.000 DM auf die Beine gestellt hat. Neben Natja Brunckhorst, Hauptdarstellerin aus Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, ist mit Veronica Ferres ein ungewöhnlich großer Name mit von der Partie. Es ist wohl auch ihren Bemühungen zu verdanken, mit Babylon – Im Bett mit dem Teufel möglichst wenig in Verbindung gebracht zu werden, daß der Film nicht mehr Aufmerksamkeit erhält. Es war ein Wendepunkt ihrer Karriere, weshalb Veronica Ferres zwar entgeltlos die Apothekerin gab, die sich knebelt, kniend Schwänze reibt und in der Öffentlichkeit ihren Busen präsentiert, dann jedoch unter anderem Aushangbilder mit ihr untersagte, was sicher an den Kinokassen für einigen Zuspruch hätte sorgen können.

Mit den richtigen Augen besehen ist Babylon – Im Bett mit dem Teufel zwar den Charakteristika des Exploitationfilms nicht fern, findet aber auf einem gehobeneren Niveau statt. Es ist ein durch verschachtelte Wiederholungen vielschichtiger Horrorthriller, der in seiner Atmosphäre an die Val Lewton Produktionen wie Katzenmenschen anschließt, wie er auch den gesellschaftlichen Pessimismus aus Zbynek Brynychs Engel, die ihre Flügel verbrennen aufgreift.
In Afrika ist Muttertag. machte lediglich einen grotesken Aspekt der Wohlstandsgesellschaft zum Thema. Der Fluch war ein Nachhall der Taten auf dem Wege dorthin. Babylon – Im Bett mit dem Teufel ist auf der Suche nach Gefühlen, Seelenheil und Liebe in dieser absonderlichen Welt, in der Kinder keine Produkte der Liebe sind, sondern parasitäre Lebenszerstörer. Mephisto kann jeder Zeit an deiner Türe schellen. Als Lothar ist er im amerikanischen Gangsterschlitten in die Stadt gekommen. Ausgang und Eingang sind eins. So ist auch das Ende des Films sein Anfang. Zurückspulen und nochmals schauen.

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