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1718 wurden im Frieden von Passarowitz das Banat, die Kleine Walachei und Nordserbien nach dem großen Türkenkrieg ein erstes Mal vom Joch des Osmanischen Reiches befreit. Der Savoyarde Prinz Eugen eilte für seinen Auftraggeber, das Haus Habsburg, gegen die Türken von Sieg zu Sieg und öffnete damit den nördlichen Balkanraum - nach Jahrhunderten der erzwungenen Abschottung - wieder den Einflüssen des Westens. Doch sollten nicht nur Ideen und Aufklärung des Westens im Osten Einzug halten, sondern auch anders herum, Speisen, wunderschöne Kunst und mittelalterlicher Aberglaube über die neu geöffneten Pforten in den Okzident gelangen. Und hier ließ ein besonders hartnäckiges Gerücht die neuzeitlichen Bewohner Wiens erschaudern: In den Karpaten, im südlichen Teil des heutigen Rumäniens, würden Dämonen hausen, die Blut trinken, sogenannte „Vampyre". So unterhaltsam das auch klingen mochte, der rührigen Habsburgerin Maria Theresia jedenfalls war dieser unchristliche Hokuspokus in ihrem Herrschaftsgebiet ein Dorn im Auge und so sandte die Kaiserin im Jahre 1755 ihren Leibarzt Gerard Van Swieten nach Mähren aus, dem sich ausbreitenden Unsinn wissenschaftlich ein Ende zu setzen. Der Mediziner ging nun inbrünstig daran, den Vampirmythos, diese „Barbarei der Unwissenheit", auszumerzen. Natürlich fand der gute Doktor keine Vampire in der Slowakei, sondern nur Folklore einfacher Menschen, doch genügte die Reise des damals berühmten Van Swieten, sein Handeln unsterblich zu machen - als Bram Stokers historische Vorlage zu einem heute ungleich bekannteren Wissenschaftler, dem über den Dingen stehenden, stets besonnenen Professor Abraham Van Helsing.

Im Jahr 1897 machte sich Abraham „Bram" Stoker daran, den Vampirroman schlechthin zu schreiben und unsere heutige Version eines Blutsaugers ins untote Leben zu rufen. Das Bild, das die Menschen in den Jahrhunderten zuvor von Vampiren hatten, entsprach nämlich keinesfalls dem heutigen Ideal. Da wurde nur vage von „Geräuschen im Sarg der Opfer" gesprochen oder eben real existierende Krankheiten pseudowissenschaftlich fehlgedeutet. Stokers Graf Dracula sollte endlich fassbarer werden. Er würde Knoblauch verabscheuen, nur in von ihm geweihter Erde ruhen können, tagsüber ungefährlich sein und sich beliebig in Fledermaus, Wolf oder Nebel verwandeln können. Für das Jahr 1897 waren solche konkreten Vorstellungen von Vampirismus revolutionär. Doch nicht nur „Draculas" (damals) moderne Stilmittel und kreative Versatzstücke würden Eindruck schinden. Auch seine Verstöße gegen die Normen des damaligen Viktorianischen Zeitalters, über die heute noch wissenschaftlich hinsichtlich ihrer endgültigen Deutung gerungen wird, erregten Aufsehen. Seine Figuren verhielten sich nämlich durchaus nicht immer dem damaligen Zeitgeist konform.

Der Holländer Van Helsing etwa ist zwar hinsichtlich der Etikette im Umgang mit den anderen Gentlemen und erst recht in der Interaktion mit Damen ein Traditionalist, doch verkörpert er den fortschrittsgläubigen Wissenschaftler, der sich nicht zu schade ist, Übernatürliches als omnipräsentes Phänomen anzuerkennen - und das im Zeitalter der Industrialisierung. Oder nehmen wir Draculas Opfer Lucy Westenra. Sie ist eine sympathische Figur, allerdings eine, die sich fragt: „Why can't they let a girl marry three men, or as many as want her, and save all this trouble?" Ein Mitleid erregendes Schicksal Hand in Hand mit promiskuitivem Lebenswandel - durchaus ein (kalkulierter) Stilbruch in jenen Tagen. Und nicht zuletzt trifft das auch auf den Antagonisten des Romans zu, den Dämon Dracula, einst Vorkämpfer gegen den anbrandenden Sturm der Moslems, später selber Todfeind des Christengottes (warum allerdings, lässt der Roman - im Gegensatz zu Coppolas Film - offen). Bei Stoker ist er ein durch und durch böses Wesen, das keinen Fetzen des später romantisch tändelnden Film-Dracula Coppolas an sich hat, sondern das einzig und allein danach trachtet, möglichst großes Unrecht zuzufügen. In der unwirtlichen Umgebung seines Schlosses in Transsylvanien entführt er des Nachts kleine Kinder und lässt sie von seinen Gespielinnen ermorden. Die vor dem Burggraben um das Leben ihrer Liebsten flehenden Mütter lässt er von den Wölfen zerfleischen. Dieser Dracula hat auch keine - um die Gunst des weiblichen Kinopublikums buhlende - verflossene Liebe zu beklagen. Er war und ist selbstsüchtiger Einzelgänger, der mit jeder Faser seiner Existenz hasst. Und natürlich zögert er so auch keine Sekunde, der weiblichen Hauptfigur der Geschichte, der eigentlich treuen Verlobten Harkers, Mina Murray, sein eigenes untotes Schicksal aufzuzwingen (Gary Oldman hingegen kämpft 1992 in der gleichen Situation aus Gewissensbissen mit den Tränen). Dracula nötigt Mina sogar, in einem quasisexuellen Akt sein eigenes Blut zu trinken und hantiert damit nicht nur auf groteske Weise mit dem Bild einer stillenden Mutter, sondern pervertiert die christliche Eucharistie, in der das Blut und der Leib des Heiland in Form von Brot und Wein von den Gläubigen verzehrt werden. Harter Tobak für eine moralisch und religiös gewissenhafte angelsächsische Mittelschicht im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts.

Francis Ford Coppola, der dreizehn Jahre zuvor mit seinem „Apocalypse Now" (1979) einen cineastischen Meilenstein schuf, versuchte, der berühmten, bereits vielfach verfilmten Geschichte seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Sein Dracula (Gary Oldman) ist kein stocksteifer Bella Lugosi („Dracula", 1931), sondern eine Figur, mit der man sich in Ansätzen ob ihres tragischen Schicksals identifizieren kann. Er ist natürlich der Schurke, doch ist er nicht abgrundtief böse. Er ist der unglücklich Verliebte, der Gepeinigte, den der Verlust seiner großen Liebe vor all den Jahrhunderten so hart traf, dass er Gott verfluchte und sich von Hybris übermannt dem Blut(Konsum) verschwor. Erst das kleine Bildchen einer Engländerin, die seiner Verblichenen zum Verwechseln ähnlich sieht, weckt in ihm nach Äonen wieder die Lebensgeister. Die ihm unbekannte Frau ist die Verlobte des gerade bei ihm auf dem Schloss verweilenden Jonathan Harker (Keanu Reeves), ein Anwalt, der im Auftrag seiner Firma im fernen London an den Osteuropäer Grundstücke verkauft. Dracula setzt den jungen Juristen wider dessen Willen in seinem Schloss fest und begibt sich auf die Reise nach England, wo er dem Objekt seiner Begierde zustrebt.

Die nun heraufziehende Liebelei zwischen dem rumänischen Grafen und der eigentlich mit Jonathan verlobten Mina Murray (der Keira Knightley der 90er: Winona Ryder) ist das zentrale Thema in Coppolas Film. Und das ist sein Problem. Er ersetzt den finsteren Urstoff der Romanvorlage mit einer sehr massentauglichen, damals werbewirksam in Szene gesetzten Liebesgeschichte, die natürlich gehörig an der Schockwirkung der Handlung nagt und sie genau genommen komplett beseitigt. Das muss man mögen. In die gleiche Kerbe schlagen weitere von Coppola reichlich zugegebene Zutaten, die nichts mit dem Original zu tun haben, die dessen Grundkonzept sogar negieren. So wird der 1992er Geschichte ein expressionistisches Gerüst übergestülpt, das bisweilen gar ins Skurril-Komödiantische abdriftet und so nicht selten eher verwirrt als unterhält. Das geht soweit, dass Mina und ihre beste Freundin Lucy ohne ersichtlichen Grund unvermittelt sinnlich miteinander knutschen oder Anthony Hopkins sich als Van Helsing in manischem Overacting verliert, das nach längerem Betrachten leicht neurotisch anmutet. Der Coppola-sche Van Helsing wird verschroben, fast aufdringlich gezeichnet in seiner dauernden Besserwisserei und latenten Aggressivität. Von philanthropisch motivierter fachlicher Souveränität keine Spur!

Natürlich geht der Vorwurf ins Leere, Coppola sei nicht vorlagentreu genug zu Werke gegangen. Das musste er schließlich ja auch nicht. Seine Inszenierung besitzt durchaus ihren eigenen Charme, der zudem formidabel untermalt wird von der Filmmusik des Polen Wojciech Kilar, der mit seinem Beitrag zu „Bram Stoker's Dracula" 1992 seinen größten Erfolg feierte. Doch wäre es deplatziert, in vorauseilendem Gehorsam angesichts eingefahrener Vorlieben, großer Namen und schöner Musik den Widerspruch zu scheuen.

Als die edlen Protagonisten der Handlung nämlich daran gehen, im viktorianischen London (von dem man übrigens in den Zeiten vor dem allgegenwärtigen CGI-Overkill kaum etwas sieht) Jagd auf den Grafen zu machen, um Minas Seele zu schützen, ächzen und keuchen sie durch dunkel gewandete nächtliche Gärten und Spinnennetz behangene Kulissen, auf die letztendlich doch zu wenig Fokus gelegt wurde. Die eigentlich zentralen Gothic-Elemente der Bauten wirken bestenfalls optisch passabel arrangiert. In der einen oder anderen Sekunde stellt sich gar 80er B-Film Feeling ein. Das darf einem Regisseur wie Coppola nicht passieren, auch wenn er mit seiner Liebesgeschichte anderes in den Fokus zu rücken versucht. Natürlich will er das weibliche Publikum unterhalten mit einem Thema, das geradezu dazu einlädt, romantisch zelebriert zu werden: unsterblicher (!) Liebe. So zottelt zwar die bereits dem Grafen verfallene Mina ihren Rettern chronisch undankbar hinterher, doch ist sie sich zu guter Letzt nicht zu schade, die Waffe gegen den eigenen Gatten zu richten, um den sie anschmachtenden Vampir zu schützen. Ein überaus wirres Szenario, das natürlich nicht nur mit der literarischen Vorlage nichts mehr zu tun hat, sondern das im Lichte seiner Unvernunft beinahe in Blödelei ausartet.

Francis Ford Coppolas „Dracula" traf den Zeitgeist, vor allem den des weiblichen Publikums und spielte bei einem Einsatz von 40 Millionen Dollar mehr als das Fünffache an den Kinokassen wieder ein. Sein Film wurde damit ebenso erfolgreich wie der ähnlich budgetierte zwei Jahre später ins Rennen geschickte „Interview mit einem Vampir" (1994), der genau dieselbe Zielgruppe anvisierte und das gleiche Verlangen nach nur vorgeblich anspruchsvollerer Unterhaltung bediente. Was bleibt ist die Frage, ob Coppolas Interpretation der weltberühmten Vorlage sich ihren Platz in der Walhalla der Genregrößen verdient hat. Und sie ist überaus schwer zu beantworten. Womöglich eine Sache des Standpunkts. Oder des (Herz-)Blutes. Apropos Glaube an die Sache: Gary Oldman lässt sich sicherlich nicht, wie einst Bella Lugosi - angesichts der ihm damals auf den Leib geschriebenen Rolle seines Lebens -, nach dem Tod, der auch einen gestandenen Dracula-Darsteller ereilt, in seinem Film-Kostüm beerdigen.

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