Bereits 1974 gründeten Lloyd Kaufman und Michael Herz die amerikanische Produktions- und Vertriebsfirma Troma Entertainment. Es sollte jedoch ein volles Jahrzehnt vergehen, bis diese unscheinbare Firma ein eigenes, unverwechselbares Gesicht bekam. Ein grotesk deformierter, bärenstarker, ausufernden Gewalteskapaden nicht gerade abgeneigter Superheld namens Toxie, der in The Toxic Avenger (Atomic Hero) das Licht der Leinwände respektive der Bildschirme erblickte und im fiktiven 15.000-Einwohner-Städtchen Tromaville für Recht und Ordnung sorgte, entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit zu einer wahren Ikone des (gewollten) Trashkinos. Außerdem hatte Troma mit diesem billig produzierten (eine knappe halbe Million Dollar), comichaft überzogenen und erstaunlich derben Überraschungshit die sprichwörtliche Kuh gefunden, die man endlos lange zu melken gedachte. Doch noch bevor diverse Sequels (Citizen Toxie: The Toxic Avenger IV, 2000), aberwitzige Kriegsgemetzel (Troma's War, 1988), weitere bizarre Superhelden (Sgt. Kabukiman N.Y.P.D., 1990), durchgeknallte Shakespeare-Adaptionen (Tromeo and Juliet, 1996) oder schlecht gelaunte Zombie-Hühnchen-Mutationen (Poultrygeist: Night of the Chicken Dead, 2006) auf die Welt losgelassen wurden, beglückten uns die Herren Kaufman und Herz mit einem herrlich schrägen Spektakel namens Class of Nuke 'Em High.
The Toxic Avenger hat den Weg geebnet, Class of Nuke 'Em High beschreitet ihn hocherhobenen Hauptes. In der High School von Tromaville regiert zunehmend das blanke Chaos, feiert die Anarchie fröhlichen Urstand. Grund dafür ist die ach so saubere und - wie wir alle wissen - vollkommen ungefährliche Atomenergie, steht gleich neben der Schule doch ein AKW, in welchem rund um die Uhr geschlampt wird (im Vergleich zu diesen Angestellten und Arbeitern wirkt selbst Homer Simpson wie ein engagierter, verantwortungsbewußter Mitarbeiter des Monats). Das Ding leckt an allen Ecken und Enden, im Keller des Schulgebäudes werden unverschlossene Müllfässer gelagert, und der gewichtige Kraftwerksbetreiber (in The Toxic Avenger gab er noch den Bürgermeister: Pat Ryan) übt sich in der hohen Kunst der Vertuschung. Als schließlich die Wasserversorgung der High School mit dem Sondermüll verseucht wird, hat das auf die unglücklichen Schüler teils gravierende Auswirkungen. So haben sich die braven Streber der "Honour Society" in völlig durchgeknallte Punks verwandelt, und der arme Dewy (Arthur Lorenz) fabriziert gleich einen spontanen Hechtsprung durch ein Fenster im ersten Stock, nachdem ihm zuvor grüner, dickflüssiger Schleim aus Ohren und Mund gequollen ist und er eine Art epileptischen Anfall bekommen hat. Aber nicht alle flippen komplett aus. Das Pärchen Chrissy (Janelle Brady) und Warren (Gil Brenton) bildet einen kleinen Pol der Normalität in einer außer Rand und Band geratenen Schule.
Aber natürlich werden auch sie bald unfreiwillig ins Chaos hineingezogen. Schuld daran sind ihre Freunde, die sie bei einer Bikini-Party mit einem exklusiven Joint versorgen, damit sie endlich mal lockerer werden. Besagter Joint stammt von wild wucherndem Marihuana, das gleich hinter dem Atomkraftwerk angebaut und somit entsprechend gut "gedüngt" wurde. Zwar verliert unser süßes Pärchen tatsächlich alle Hemmungen (und kurz darauf ihre Unschuld), aber die Nebenwirkungen sind von der heftigen, unangenehmen Art. Neben bizarren Halluzinationen (ihm wächst eine riesige Erektion, ihr wölbt sich der Bauch und ein kleiner Tentakel zappelt munter aus ihrem Nabel) finden auch drastische Veränderungen an ihren Körpern statt. Warren mutiert kurzzeitig zu einem kraftstrotzenden Klotz und erledigt ein paar Mitglieder der bereits angesprochenen Punkgang, genannt "The Cretins" (ein zutreffender Name; "The Freaks" hätte jedoch auch gut gepaßt!). Chrissy wiederum erlebt eine Blitzschwangerschaft und gebiert ein kleines, ekliges, nacktschneckenartiges Vieh, welches sie in die nächste Kloschüssel spuckt und das im Anschluß selbstverständlich runtergespült wird und in einem der Giftmüllfässer landet. Spike (Robert Prichard), der Anführer der Cretins, schart den Rest seiner Bande um sich und schwört sie darauf ein, blutige Rache an Warren und Chrissy zu nehmen. Randalierend wüten die Cretins auf ihren Motorrädern durch die Schulkorridore, um unseren Helden den Garaus zu machen. Allerdings können sie nicht ahnen, daß sich das kleine, häßliche Schneckenwesen in der Zwischenzeit in eine große, häßliche Kreatur verwandelt hat, deren scharfe Krallen und peitschende Tentakel ebenso tödlich sind wie ihre langen Stacheln und spitzen Zähne.
Class of Nuke 'Em High bringt das Kunststück zuwege, trotz des abstrusen Szenarios, der schrillen Figuren (die Cretins sind eine selten geniale Truppe; insbesondere Gonzo (Brad Dunker) schießt den Vogel ab!), der zahlreichen verrückten Ideen und der aberwitzigen Set-Pieces als gesamter Film zu funktionieren. Bei vielen anderen Troma-Werken ist es ja leider so, daß einige bestimmte Szenen turmhoch hervorragen und der Rest kaum bemerkenswert ist, im schlimmsten Fall sogar furchtbar langweilt und/oder schrecklich nervt. Nicht so bei Class of Nuke 'Em High. Der Streifen jagt mit einem halsbrecherischen Tempo dahin, verliert jedoch nie den roten Handlungsfaden sowie das Interesse für seine Hauptfiguren aus den Augen. Trotz der wüsten Mixtur - der Film ist zu gleichen Teilen eine Love Story, eine Teenie-Komödie, eine Ökohorror-Satire und ein Terrorschocker, bevor er gegen Ende zu einem astreinen Creature Feature mutiert - ist das Gesamtergebnis überraschend stimmig. Einfach ein homogenes Ganzes. Vielleicht liegt das an der recht gelungenen Charakterisierung, da man die beiden Protagonisten ernst nimmt und sie niemals der Lächerlichkeit preisgibt. Mit Chrissy und Warren stehen zwei sympathische Normalos im Zentrum, mit denen man sich problemlos identifizieren kann. Und in wie vielen Troma-Filmen kann (und vor allem: möchte) man sich schon mit jemandem der dort agierenden Figuren identifizieren? Eben. Class of Nuke 'Em High ist da die große Ausnahme, und ich finde es sehr schade, daß Kaufman & Co auf diesen Umstand in weiterer Folge keinen Wert mehr legten.
In meinen Augen ist Class of Nuke 'Em High ein perfektes Companion Piece zu Mark L. Lesters Class of 1984 (1982), dem vielleicht besten Exploitationfilm der Dekade. In beiden Filmen terrorisieren Punks an einer Schule Lehrer und Schüler und haben einen florierenden Drogenhandel aufgezogen, bekommen aber am Ende die saftige Rechnung präsentiert. Nur daß hier kein die Faxen dicke habender Lehrer dem Gesindel die Leviten liest, sondern ein schleimiges Monster. Oder genauer gesagt: ein schleimiges Monster, welches eigentlich das Kind unseres netten Heldenpärchens ist. Der furiose Showdown, der zum überwiegenden Teil von Richard W. Haines stammt, ist ein befriedigendes Finale, wie man es sich nur wünschen kann. Dieses wurde übrigens gleich zu Beginn der Produktion gedreht, noch bevor Lloyd Kaufman das Kommando an sich riß. Haines hat den Showdown so wuchtig wie temporeich in Szene gesetzt und - in Anbetracht der Low Budget-Verhältnisse - phasenweise schlichtweg brillant inszeniert. Man führe sich nur mal die Sequenz vor Augen, in welcher die abscheuliche Kreatur im wahrsten Sinne des Wortes "auftaucht". Durch das rasante Hin- und Herschneiden zwischen dem Monster, den potentiellen Opfern sowie deren panische Reaktionen entwickelt diese Szene eine Power, die in einem Troma-Movie ihresgleichen sucht. Zwar birst der komplette Film fast vor Kreativität, Energie und Leidenschaft, aber dieser dermaßen kraft- und eindrucksvolle Horror-Moment sticht daraus noch weit hervor. Außerdem kommt es im Zuge dieser Attacke zur wohl schönsten Gore-Szene des ganzen Streifens.
In Sachen In-Your-Face-Splatter kann Class of Nuke 'Em High dem Toxic Avenger nicht das Wasser reichen, aber qualitativ sind die Effekte insgesamt nicht nur deutlich besser, sondern auch phantasievoller umgesetzt. Die Geburt der Kreatur (Chrissy würgt sie langsam hoch und spuckt sie ins Klo) ist verdammt eklig. Chrissys sich aufblähender Bauch mit einem peitschenden Tentakel aus dem Nabel ist ein memorables, Cronenberg-esques Set-Piece, das einige Zeit im Gedächtnis haften bleibt. Und die Deep-Throat-Fisting-Szene sowie die Zersetzung von Dewys Körper sind ebenfalls bizarre Highlights der ultra-low-budget Effektkunst. Ganz toll ist auch das Design des Monsters, das man meist nur in kurzen (Close-Up-)Einstellungen und nie komplett zu sehen bekommt. Ein richtig fieses Ding mit Stacheln, Klauen, Zähnen und Tentakeln ist das, mit kleinen, böse funkelnden Augen und jeder Menge ekligem Schleim. Kein Wunder, daß sich die Personen, die es mit dieser Bestie zu tun bekommen, die Seele aus dem Leib kreischen, allen voran Janelle Brady, die eine richtig gute Scream Queen abgibt. Schade, daß diese süße Aktrice mit den noch süßeren kleinen Brüsten nur in drei Filmen zu sehen ist. Die charakteristischen Atommeiler eines Kernkraftwerks hat man ebenfalls gut hingetrickst. Auf der musikalischen Seite gibt es viel flotte Rockmusik sowie etwas treibenden Synthesizer zu hören, wobei der Titelsong Nuke 'Em High von der Band Ethan & the Coup bestritten wird und ein kleiner Ohrwurm ist.
Class of Nuke 'Em High mag völlig überdrehter und reichlich bescheuerter Trash sein, aber das schrille Over-the-Top-Szenario wird so voller Energie und Dynamik über die Runden gebracht, daß man vom schlockigen Geschehen förmlich mitgerissen wird. Außerdem gehen all die schrägen und irren Sachen den Regisseuren erfrischend leicht und locker von der Hand und erscheinen nie so krampfhaft erzwungen wie bei vielen späteren Arbeiten, wo das Suhlen in deftigen Geschmacklosigkeiten und das (versuchte) Brechen von Tabus auf Teufel komm raus bisweilen sehr verkrampft und reichlich unsympathisch rüberkommt. Zum überaus positiven Gesamteindruck tragen auch die vielen bösen Spitzen bei, die zwischendurch immer mal wieder abgefeuert werden. Dafür sorgen, wie könnte es anders sein, die Cretins. Einmal verprügeln sie eine alte Lady, ein andermal singen sie voller Inbrunst die amerikanische Nationalhymne, und später schubst Spike im Vorbeigehen einfach einen auf einer Mauer liegenden Schüler runter. Und daß der Streifen, der aus jeder Pore das leckere (wenn auch etwas pervertierte) Flair der Achtziger-Jahre verströmt, mörderisch unterhaltsam ist, muß ich wohl nicht mehr erwähnen (wobei mir völlig klar ist, daß viele mit dem derben Humor und dem speziellen Aroma du Troma nichts anfangen können). In den vielen Jahren nach Class of Nuke 'Em High war Troma sehr oft krasser, bescheuerter, blutiger, witziger, abgefahrener, geschmackloser, perverser und verrückter. Aber sie waren niemals wieder besser.