Review

Andreas Bethmann ist Besitzer einer Videothek für Sex und Gore, Herausgeber des Magazins X-Rated und Autor diverser Bücher für den Moviestar Verlag, wie z.B. die alten F13 Chronicles. Seine Schriftwerke zeichnen sich stets durch ein Übermaß an Rechtschreib-, Satzbau- und Punktierungsfehlern aus, aber im Laufe der Jahre hat sich das schon gebessert. Mit DER TODESENGEL machte er auch als Regisseur auf sich aufmerksam. Zuvor hatte er bereits mehrere No Budget Filme gedreht (z.B. DAS WESTSTADTMASSAKER 1 – 3, DER TOTENHÜGEL 1 & 2, TANZ DER KÜRBISKÖPFE), aber da diese älteren Arbeiten von ihm nur noch sehr schwer zu bekommen sind, habe ich sie auch bislang leider noch nicht sehen können. Obwohl italienischer Gore a la Fulci, Lenzi und D’Amato zu seinen Lieblingsgenres zählt, mag er europäische Sexploitation der 70er Jahre wie von Jess Franco gleichermaßen. Ebenso Frauengefängnisfilme mit Auspeitschungen und Duschszenen und auch Hardcore Pornografie. Tatsächlich hat Bethmann eine eigenwillige Entwicklung vom reinen Horrorfilm- hin zum Erotikregisseur gemacht, wobei bei ihm Erotik und Pornografie sehr rasch ineinander übergehen können. Und auch der Horror macht sich selbst in seinen erotischen Beiträgen noch bemerkbar in Form von Nebel, Splatter und Frauen, die im Nachthemd mit einen Kerzenständer durch den Keller wandeln (eben wie beim Vorbild Franco).

Seine Fähigkeiten als Regisseur sind begrenzt. Wie bei Nackedei- und Schmuddelfilmern so üblich, hält auch er stets viel zu lang mit der Kamera bei jeder Einstellung drauf. Kein Wunder also, wenn seine Filme in der kompletten Langzeitfassung schon mal weit über 2 Stunden gehen. Wobei wir beim nächsten Punkt wären: Der Bethmann bringt seine Streifen gleich in mehreren Versionen auf den Markt. Da gibt es meist die indiskutable 16er Fassung für die Kaufhäuser, eine Standardfassung für den Verleih, eine Hardcore Version für die Pornoabteilung, eine Splatter Ausgabe ohne nackt Haut für die Gorehounds und schließlich einen scheinbar vollständigen finalen Cut für Sammler. Alles nur Verkaufsstrategie. Aber scheinbar kann Herr Bethmann davon leben.

Noch eine Besonderheit bei ihm: Seine Vorliebe für Pseudonyme. Frank Bertmann, Andre de Palma (whoa!) oder A.M. Bertucci. Sein Idol Franco wird er aber nie in diesem Punkt überholen, denn der verwendete angeblich über 90 (!!!) verschiedene Künstlernamen in seinem Leben.

DER TODESENGEL (a.k.a. ANGEL OF DEATH – FUCK OR DIE)

Die Kritik bezieht sich auf den Final Cut, der 163 Minuten lang ist und sich folglich streckenweise wie Kaugummi zieht.

Eine junge Frau (naja) wird bei einer Autopanne in einem Waldstück von zwei Handlangern eines Rings von Menschenhändlern überfallen, brutal vergewaltigt und dann schwer verletzt liegen gelassen. Nach diesem Erlebnis wird sie – wie könnte es anders sein? – zur psychopathischen Nymphomanin, die wahllos Geschlechtspartner aussucht und sie ermordet. Als sie eines Tages ihre beiden Vergewaltiger und deren käufliche Mädchen auf einem abgelegenen Fabrikgelände entdeckt, startet sie einen Rachefeldzug gegen den Ring.

Hauptdarstellerin und Pornosternchen Manila May war mir zuvor völlig unbekannt. Und ihre schauspielerischen Fähigkeiten sind nicht gerade berauschend. Sie besitzt kaum Mimik, agiert blass und leblos, betont ihre paar Sätze eigenartig und kann sich in einigen Momenten nur knapp ein Lachen in die Kamera verkneifen. Warum der Bethmann sie gecastet hat, liegt auf der Hand: Wegen ihrer Brüste. Aber die hängen schon ein wenig wie Schläuche zum Boden. Zumindest macht sie im Finale im knappen Latex-Outfit mit den Pistolen eine gute Figur, aber als Vergewaltigungsopfer kann sie mangels darstellerischer Feinheiten (und Bethmanns eindimensionalen Drehbuch) überhaupt nicht überzeugen. Das macht die herbe Story aber sogar bekömmlicher. Man weiß sofort, dass man diese frauenfeindliche Mischung aus Sex und Gewalt nicht für voll nehmen darf. Und die vielen Schwächen bei den Effekten (teils bloß Props, wie es sie im Moviestar Katalog zu kaufen gibt), bei Bild und Ton (ein einziges Schussgeräusch, das von einem Bodycount Album stammt) und der merkbar geringe Aufwand (sehr wenige und nur billige Locations, als hätte man den Filmdreh vor der Welt verstecken wollen) machen es noch einfacher, eine Distanz zum Geschehen zu behalten. Ist wohl auch besser so.

Spannend ist diese zähe und vorhersehbare Ansammlung von Rammelszenen und Gewaltausbrüchen zu keiner Sekunde. Und erotisch ebenso wenig, denn dafür fehlt jegliches Spiel mit Reizen. Der Bethmann zeigt uns alles zu rasch auf dem Präsentierteller. Trotzdem hat mir der breit ausgewalzte Mord mit dem elektrischen Messer sehr gut gefallen, weil da trotz durchschaubarer FX eine gewisse Stimmung entstand.

Zwei Stärken hat der Film aber tatsächlich: Einige Augenblicke strotzen wegen Patzer bei den Darstellern oder den gnadenlos übertriebenen Mordszenen (z.B. mit dem Speer) nur so vor unfreiwilliger Komik. In dieser Hinsicht wirken viele der sexistischen Ausschweifungen nicht mehr so roh und zynisch.

Außerdem wurde eine illustre Cast von Größen aus der deutschen Independentszene vor der Kamera versammelt. Oliver Krekel, der Chef von Astro, der uns auch den Ultimate Cut von Romeros ZOMBIE bescherte und CROSSCLUB drehte, gibt sich kurz die Ehre. Als nicht gänzlich humorlose Menschenhändler und Vergewaltiger sind Timo Rose und Marc Fehse zu sehen, die zusammen den ersten Teil von MUTATION inszenierten. Rose ist hier als ballernder Gangster auch mal ausnahmsweise erträglich. Gothic-Weib Simone Schneider und ihr Stecher Heiko Bender sind als Liebespaar im Wald zu beobachten; Die beiden kamen nach diesem Auftritt auf den Geschmack und filmten KINDER DER NACHT. Und auch der Bethmann persönlich tritt kurz als Polizeifotograf in Erscheinung und darf FREITAG DER 13. - DAS LETZTE KAPITEL zitieren: „Das war mal ein hübsches Mädchen.“ „Ist sie noch.“

Zuletzt gibt es einen kleinen Bonus dafür, dass es der erste Sexploitationsfilm dieser Art in Deutschland ist und dass seine naive und trashige Art ihn weitaus erträglicher machen als manchen amerikanischen Rape’n’Revenge Schocker wie ICH SPUCK AUF DEIN GRAB.

Fazit: Nicht so übel wie sein Ruf.

5 von 10.

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