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Nach Steven Spielbergs erfreulich zeitlosem Megahit „Jurassic Park“ von 1993 versuchte man sich mit sinkender Qualität an Sequels: Zuerst der von Spielberg selbst inszenierte „Lost World“, danach beim Joe Johnstons Schnarcher „Jurassic Park 3“, nach dem man allerdings weiter eine Fortsetzung drehen wollte. Es dauerte 14 Jahre bis diese das Licht der Leinwand erblickte.
In der Auftaktphase reflektiert „Jurassic World“ durchaus ganz amüsant seinen Status innerhalb der Filmwelt: Kaum Exposition zu dem Film, so wie auch der jüngere der beiden Parkbesucher-Brüder sofort zu den Dinos rennt, während hinter den Kulissen über die Notwendigkeit stets Neues bieten zu müssen geredet wird – nur bekannte Dinos zieht nicht, hat ja jeder schon gesehen. Der weiße Hai, der in Spielbergs gleichnamigem Riesenerfolg den Sommerblockbuster aus der Taufe hob, taugt nur noch als Snack bei der Fütterung eines gigantischen Wasserdinos namens Mosasaurus, denn der titelgebende Park ist tatsächlich jenes Freizeitressort, das John Hammond einst vorschwebte, irgendwo zwischen Disneyland, Sea World und Safaripark, mitsamt Luxushotels, Pterodactylusvoliere und Aquarium.
Inmitten dieser Schlag-auf-Schlag-Exposition werden die Hauptfiguren als denkwürdige Archetypen eingeführt: Die hochgeknöpfte und etwas steife Parkleiterin Claire Dearing (Bryce Dallas Howard), deren Neffen Gray (Ty Simpkins) und Zach Mitchell (Nick Robinson) eine Parktour bekommen, da ihre Eltern sich auf die Scheidung zubewegen und sie daher lieber für ein entscheidendes Wochenende aus dem Haus haben wollen. Dann sind da noch nette, abenteuerlustige neue Parkbesitzer Simon Masrani (Irrfan Khan), der überehrgeizige Genforscher Dr. Henry Wu (BD Wong) und der militärische Kontaktmann Vic Hoskins (Vincent D’Onofrio), der die Saurier auf parktische Anwendung hin beäugt. Von besonderem Interesse: Das Raptorendressurprojekt von Owen Grady (Chris Pratt), der sich als Alphatier unter seinen Schützlingen behauptet kann.

Der Drang Neues zu bieten führt dazu, dass neben in den vorigen „Jurrasic Park“-Folgen nicht gesehenen Arten also noch die Neuzüchtung Indomus Rex gibt, die nicht nur hochintelligent ist, sondern sich auch tarnen kann. Und genau dieser Bad Boy büxt aus, was bald eine noch viel größere Katastrophe auslöst…
In das Design des Indomus Rex wurde wohl mehr Drehbucharbeit investiert als in alles andere. Wenn die Dinos mal ausbrechen, dann erwischt es eigentlich nur anonyme Söldner, anonyme Bedienstete und anonyme Touris (oft auch ganz klar als Kanonenfutter eingeführt, man denke an den Schwabbel im Indomus-Rex-Gehege), gerade mal drei etwas mehr umrissenen Figuren müssen dran glauben und selbst deren Schicksal involviert weniger als das von jedem Opfer aus dem Erstling. Den Leads passiert eh nichts, die Heldin bedient nur negative Klischees von der weltfremden Karrierezicke, der Held nur positive vom Charmeur und Tough Guy, während Kinder nach alter Spielbergsitte zwar schreien und in Gefahr geraten dürfen, aber selbst im Dinoangesicht noch einen Schutzengel haben.
Für ihr Alter oberschlaue Tüftler sind sie auch noch, zumindest der jüngere der beiden. Zudem sind die Kinderfiguren komplett blass und uninteressant, bei denen man die Weiberfixierung des Älteren nicht nachvollziehen kann, hat er doch eine Freundin daheim und scheint glücklich zu sein (mal abgesehen, dass diese Eigenschaft null Relevanz für den Film hat).
Doch während das Drehbuch seine Figuren kaum mit Leben zu füllen weiß, so können einige Darsteller, vor allem Bryce Dallas Howard und Charmebolzen Chris Pratt. Gerade letzterer erweist sich als hemdsärmeliger Abenteuer- und Actionheld in der Tradition von Harrison Ford und Co. Vincent D’Onofrio ist als Schmierlappen eine sichere Bank, während der Rest wenig gegen das Script anspielen kann. Gerade Omar Sy als frisches Trendgesicht wird für seinen derzeitigen Ruhm eingebaut, hat aber kaum etwas zu tun, während Judy Greer als Mutter der in Gefahr geratenden Jungs mit ein paar wenig prägnanten Szenen abgespeist wird.

Ärgerlich sind die verschenkten Möglichkeiten des Films: Ein ganzer Park mit zig Dinos und noch mehr Besuchern, doch von einer (schnell beseitigten) Pterodactylus-Attacke auf die Touris abgesehen wird dieses Szenario nie genutzt. Stattdessen knurpst in erster Linie der Indomus Rex rum und verspeist in eigentlich nur andere Saurier oder auf ihn angesetztes Personal. Dabei spielt der Film auf das ihm zugrundeliegende Blockbusterkino (etwa in der erwähnten „Der weiße Hai“-Referenz) an, vor allem natürlich auf den ersten „Jurassic Park“, weshalb der Kenner des Erstlings hier ein ums andere Mal Déjà-vu-Erlebnisse hat. Insofern ist „Jurassic World“ immerhin sehr ehrlich, was seinen Platz als neueste Verwertung im Franchise-Koordinatensystem angeht.
Und tatsächlich macht Colin Trevorrows Film es besser als die Teile 2 und 3 und setzt auf die volle Breitseite Dino-Spektakel, die voll von ikonographischen Bildern ist: Die Hubschrauberattacke auf den Indomus Rex, die Raptoren-Motorrad-Hatz durch den Wald, der Angriff auf die Gyrosphere usw. Wenn sich im Finale dann statt Godzilla, Mothra und Rodan Saurier in verschiedenen Allianzen auf die Glocke hauen, dann wird nur deutlich, wie sehr der Film als oberflächliche Dino-Action gemacht ist und dann trotz expliziter Fressszenen und Horrorfilm-DNA wenig Spannung und Grusel erzeugt. Doch das Gebotene liefert state-of-the-art-Effekte, Augenzwinkern und jede Menge Tempo, was diverse inhaltliche Mängel doch erfreulich gut überspielen kann.

Insofern macht „Jurassic World“ als wenig nachhaltiges Radaukino durchaus Spaß, denn die Tricks sind toll, man kann sich (gerade angesichts der männlichen Hauptfigur) an kernige Abenteuerfilme früherer Dekaden erinnert fühlen und nicht unklug spielt „Jurassic Park“ immer wieder auf die eigene Position an. Das tröstet aber nur teilweise darüber hinweg, wie reichlich egal doch die meisten Figuren sind und wie viel Potential verschenkt wird, wenn weder die Masse der Besucher noch wirklich interessante Charaktere in die Nähe der Saurierfänge kommen. Dass hier der erste „Jurassic Park“ nur auf größerer Ebene nacherzählt wird mag auch stimmen – kann aber je nach Auslegung eine Stärke oder eine Schwäche sein, denn genau diese Geschichte von menschlicher Hybris und einem außer Kontrolle geratenen Vergnügungspark ist doch wohl die interessanteste um das zugrundeliegende Thema.

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