„Raging Rocky"
Wer heute einen Boxerfilm dreht, der steigt praktisch zwangsläufig mit Rocky Balboa in den Ring. Sylvester Stallones Underdog-Saga hat in inzwischen sieben Filmen (das aktuelle Spin-Off „Creed" mitgerechnet) nicht nur eine Vielzahl ikonographischer Box-Momente kreiert, sondern insbesondere einen beinahe schon mythischen Charakter geschaffen, der wie kein anderer Filmboxer - Robert DeNiros Oscar-prämierter Jake La Motta ist da nur ein besserer Sparringspartner - sämtliche Facetten eines von Blut, Schweiß und Tränen getränkten, immer währenden Kreislaufs von Aufstieg, Fall und Comeback in sich vereint und mit dem Zuschauer intensiv durchlebt.
Männerfilm-Experte und Action-Profi Antoine Fuqua hat also einigen Mut bewiesen, als er mit „Southpaw" diesen fast aussichtslosen Kampf aufnahm. Zumal er erstaunlich viele Elemente aus Rockys Film-DNS einfach übernahm und sie lediglich inhaltlich etwas umgruppierte. So stammt auch Billy Hope (Jake Gyllenhaal) aus ärmlichen Verhältnissen und gelangt ob seines unbeugsamen Siegeswillens bis ganz nach oben („Rocky"). Dort angekommen residiert er in einem schloßähnlichen Anwesen und ist von einer speichelleckenden Entourage umgeben. Seine ebenfalls von ganz unten kommende Frau (Amy Adams) ist zugleich Stütze, Ratgeber, Organisator und die einzige, die für Ehrlichkeit und Bodenhaftung sorgt („Rocky II"). Nachdem er sie durch einen Schicksalsschlag verliert, den er durch seine ungezügelte Aggressivität mit verschuldet hat, verliert er den Halt und stürzt ins Bodenlose. Seine kleine Tochter landet im Jugendheim, sein Anwesen unter dem Hammer und seine Freunde lösen sich in Luft auf. Billy strandet wieder exakt da, wo er angefangen hat: in der Gosse. Angetrieben von der Angst, sein Kind endgültig zu verlieren, heuert er in einem abgehalfterten Boxstall an und überredet den ebenfalls vom Leben gebeutelten Trainerfuchs Titus (Forest Whitaker), ihn auf sein Comeback vorzubereiten („Rocky III").
Diese Aneinanderreihung und v.a. Anhäufung von Genre-Klischees ist die größte Schwäche von Fuquas Film. Man hat das alles nicht nur schon häufig gesehen, sondern zusammen mit Rocky auch schon mehrfach durchlitten. Dass "Southpaw" dennoch nicht schon innerhalb der ersten beiden Runden k.o. geht, verdankt er zwei nicht unwesentlichen Boxereigenschaften: Wucht und Energie.
Fuqua ist immer dann am besten, wenn er seine Außenseiterhelden in den kontrollierten Amoklauf schickt. Mark Wahlberg in „Shooter", Gerard Butler in „Olympus has fallen" und Denzel Washington in „Training Day" und „The Equalizer", stets brannte die Leinwand, wenn diese von einer beinahe ungezügelten Wut angetriebenen Kampfsäue in den Brachialmodus schalteten. Selbiges gelingt ihm nun auch mit Jake Gyllenhaal in „Southpaw".
Nicht nur sind die Boxszenen von Fuqua ungemein spannend, kraftvoll und adrenalingetränkt inszeniert, Gyllenhaal boxt sich regelrecht die Seele aus dem Leib und reißt damit auch den Zuschauer mit. Das Antrainieren von 15 Kilo Muskelmasse, eine strenge Diät und ein sechsmonatiges Training haben sich also gelohnt. Vor Stallone oder De Niro muss er sich in dieser Hinsicht jedenfalls keineswegs verstecken.
Dass es ausgerechnet einem der aktuell sicherlich versiertesten US-amerikanischen Mimen aber nicht gelingt, auch in den ruhigen, Charakter bezogenen Szenen ähnlich überzeugend zu agieren, muss dem uninspirierten Skript angelastet werden. Dabei hatte Autor Kurt Sutter mit der Biker-Serie „Sons of Anarchy" über acht hervorragend geschriebene Staffeln bewiesen, dass er sehr wohl dazu in der Lage ist, zwischenmenschliche Beziehungen dramatisch zugespitzt aufzubereiten und spannende Portraits zutiefst ambivalenter Figuren zu entwerfen. Aber da hatte er auch mehr Zeit. Gyllenhaals Billy Hope bekommt nur schlaglichtartige Momente von Verzweiflung, Wut, Trauer, Ehrgeiz und Willenskraft spendiert, die sich nicht zu einem vielschichtigen Gesamtbild fügen wollen. Die Figur bleibt seltsam fremd und oberflächlich, nahe bei ihr ist man lediglich im RIng. Ob der zunächst vorgesehene Rap-Star Eminem hier mehr hätte bewirken können, darf bezweifelt werden, eine interessante Alternative wäre er aber dennoch gewesen. So bleibt als einzig Empathie erzeugende Figur Forest Whitakers knorriger Trainerfuchs im Gedächtnis, der wieder einmal mit scheinbar wenig Aufwand und begrenzter Screentime Bleibendes schafft.
Der Wechsel in die unorthodoxe Rechtsauslage hat also nicht den gewünschten Effekt gebracht. „Southpaw" ist ein unterhaltsames Boxerdrama mit hervorragenden Kampfszenen und einem körperlich voll engagierten Hauptdarsteller, aber eben auch eine recht einfallslose Auflistung sattsam bekannter Genre-Versatzstücke. Unangefochtener Meister aller Klassen - vor allem der charakterlichen und emotionalen - bleibt aber ohne wenn und aber der italienische Hengst.