Seit dem Unfalltod ihrer Eltern versteckt sich die 12jährige Isabelle, von allen nur Bird genannt, hinter einer alten Kamera, durch die sie die Welt beobachtet. So wird sie auf dem Friedhof, auf dem sie das Grab der Eltern besucht, Zeugin, wie ein eiskalter Killer mehrere Menschen umbringt. Als dieser Bird wahrnimmt, flieht das Mädchen in ein benachbartes Farmhaus. Dort wollte sich eigentlich gerade der Ex-Soldat Carter das Leben nehmen, denn der durch ihn verschuldete Tod des Sohnes hat seine Familie zerstört. Doch nun sieht Carter seine Chance, indem er Bird vor dem Killer beschützt – und zwar mit nur einer Patrone im Lauf seiner alten Flinte…
Den berühmt-berüchtigten, manchmal auch nur vermeintlichen „letzten“ Zeugen – ob nun alt oder jung, männlich oder weiblich – hatten wir ja schon oft (und zwar so oft, dass man „Standoff“ eigentlich schon im Vorfeld am liebsten abhaken würde); ob nun in einem gekonnten Hollywood-Melodrama à la Peter Weirs „Der einzige Zeuge“ von 1985 oder in annähernd Trash-reifen Möchtegern-B-Krimis wie „Stummer Schrei“ von Bruce Beresford. Alles altbekannt, alles schon gesehen. Doch noch nie ist dieser Stoff, diese Ausgangsposition so intensiv auf den Punkt, so auf das Wesentliche eingedampft worden wie von Adam Alleca, dem Drehbuchautor des „Last House On The Left“-Remake von 2009, der mit „Standoff“ sein Regiedebüt feiert. Kein übliches Action-Geplänkel mit vielen Außenaufnahmen und spektakulären Stunts (dafür war hier einfach kein Geld), kein vermeintlicher Psycho-Thriller auf Hitchcocks Spuren sondern ein wohlfeil gefilmtes, atmosphärisch dichtes Kammerspiel der ganz besonderen Art – quasi der „Reservoir Dogs“ des „letzte Zeuge“-Subgenres! Angemessen hart in der Darstellung von Gewalt (Folter inklusive), gleichsam dreckig wie blutig, nicht frei von Melancholie und mit Dialogen, die nicht wie üblich aus hingerotzten Plattitüden und markigen One-Linern bestehen. Überhaupt ist Adam Alleca mit der Eingangssequenz und dem ersten Auftauchen des schwarzmaskierten Killers seine ganz persönliche Übung in Stil aber auch eine Verbeugung vor dem Horrorfilmgenre geworden, denn die an die Figur aus „Jeepers Creepers“ erinnernde Silhouette des Mörders wandelt über einen menschenleeren Friedhof wie einst Barbara in „Die Nacht der lebenden Toten“. Genial. Abgerundet wird das Ganze durch die durchweg sehenswerten Auftritte von Thomas „Punisher“ Jane, Laurence Fishburne und der erfrischend aufspielenden Ella Ballentine in der Rolle der Bird. Und wenn man dann noch bedenkt, dass „Standoff“ seine Spannung daraus zieht, dass man als Zuschauer weiß, dass Carter nur eine Patrone besitzt, dies aber der Killer nicht ahnt, ist Adam Alleca praktisch ein kleines Filmjuwel gelungen. Bildformat: 2,35:1.
© Selbstverlag Frank Trebbin