Franks Bewertung

starstarstarstar / 1

0-5 Sterne für den Film, gefolgt von dem "Härtegrad" auf einer Skala von 0-10

07.04.2017
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Review

von Frank Trebbin

Ein Gerichtssaal in Louisiana. Richard Ramsay ist der Strafverteidiger von Mike Lassiter, der seinen Vater erstochen hat und seit der Tat beharrlich schweigt, so dass der Aufbau einer sinnvollen Verteidigungsstrategie unmöglich ist. Also erklärt Ramsay seiner neuen Assistentin Janelle, dass man wohl nach Muhammad-Ali-Manier arbeiten müsse: so lange in den Seilen zu hängen, bis der Gegner müde wird und dann zuschlagen. Wann dieser Zeitpunkt allerdings gekommen sein mag, ist schwer einzuschätzen, denn die Beweislage scheint klar zu sein: Mike hat die Tat gestanden und eine Phalanx von Zeugen wirft ein schlechtes Bild auf das blutig beendete Vater-Sohn-Verhältnis. Janelles Aufgabe besteht darin, mögliche Lügen der Zeugen zu entlarven…

Gerichts-Thriller sind eine rare Filmgattung. Dass dabei das Verhältnis von guten zu schlechten Vertretern überwiegt, liegt wohl an ihrer Seltenheit. So kann sich dann auch „The Whole Truth – Lügenspiel“ trotz offenkundiger Schwächen mühelos im oberen Drittel des an Filmen überschaubaren Genres platzieren und mit einer zwar nicht überragend spannenden, aber immerhin interessant entfalteten Geschichte aufwarten: im Gegensatz zu der sonst so üblichen Herangehensweise (man sieht die Tat, Anwalt trifft sich mehrfach mit seinem Mandanten im Knast, Duell mit dem persönlich verfeindeten / befreundeten gegnerischen Anwalt, Sieg) steigt Regisseurin Courtney Hunt sofort am ersten Gerichtstag ein – man ist also als Zuschauer genauso ahnungslos wie das Gericht – und zu (fast) jeder Aussage sieht man zeitgleich das (wirklich?) tatsächlich Geschehene in einer Rückblende, die dann oft auch noch die Lügen der Zeugen entlarvt und so Zweifel daran aufkommen lässt, ob das alles wahr ist, was man da so hört (und sieht?). Das ist auf seine Weise schon recht geschickt und so ist es nur folgerichtig, dass der Schluss mit einem fetten Plot-Twist aufwartet, der mal wirklich überrascht. Interessant ist auch, dass das Drehbuch von Nicholas Kazan, der hier das Pseudonym Rafael Jackson benutzt, keinen großen John-Grisham-Firlefanz kopiert, keine Actionszenen neben der Gerichtsverhandlung selbst bereithält, keine Kritik am Rechtssystem übt und auch nicht einen Glamour- und High-Society-Fall ins Rampenlicht zerrt, nein, hier geht es zu wie in einer typischen, gemächlichen Perry-Mason-Folge und das ist auch gut so. Manche Kritiker fanden das zu bodenständig-lahm: das sind die offenkundigen Schwächen, von denen ich anfangs sprach. Mir hat diese Herangehensweise unumwunden gefallen, denn nichts lenkt hier von dem Vexierspiel zwischen Lüge und Wahrheit ab. Wer also mal auf 90 Minuten Action, Effekte-Overkill und filmisches Montage-Gewitter verzichten kann, für den wird bewusst „klein bzw. kammerspielartig“ inszenierte „The Whole Truth – Lügenspiel“ sehenswerte Unterhaltung bieten. Bildformat: 2,35:1. Mit Keanu Reeves, Renée Zellweger, Gubu Mbathe-Raw, Gabriel Basso, Jim Belushi u. a.

© Selbstverlag Frank Trebbin

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