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Wenn es ins Kino geht, ist es mit der Selbstjustiz so eine Sache. Die einen freuen sich über die praktisch systemstabilisierende Wachsamkeit, die dem Thema anhaftet, die anderen verweigern sich auch theoretisch der unsystematischen Entscheidungsfindung beim vollzogenen (Un-)Rechtsakt. Doch Stilblüten beiseite - nie war das Thema in den Staaten heißer als derzeit. Jugendliche gehen zu Tausenden auf die Straße, um gegen die in einigen Bundesstaaten wunderlich laxen Waffengesetze zu demonstrieren, während es wieder andere geharnischt modisch finden, vor versammelter Gemeinde in Waffen starrend zu heiraten. Braut in der einen, Sturmgewehr in der anderen - Toupet auf dem Kopf. Und mitten drin steckt Donald Trump, der hier nur einmal mehr nicht eben auftrumpft, sondern behäbig hin und her laviert. Es leuchtet tatsächlich auch in der neuen Welt immer weniger Menschen ein, warum ein Sportschütze halbautomatische Waffen besitzen dürfen sollte. Denn mit genau solchem Kriegsgerät lassen sich die Todeszahlen der letzten Amokläufe überhaupt erst erklären. Soweit, so schlecht. Es ist jedenfalls ein wunder Punkt mit dem Zeitpunkt, den sich Gore-Papst Eli Roth da für sein Michael Winner Remake (oder seine Brian Garfield Verfilmung) ausgesucht hat.

Paul Kersey (Bruce Willis) ist leitender Mediziner einer Notaufnahme in Chicago. Von Waffen hält er nichts. Noch nichts. Denn täglich flickt er die Opfer von Schießereien wieder zusammen oder zieht ihnen für immer das Laken übers Gesicht. Verständlich, dass man sich da andere Hobbys als den Schützenverein sucht. Doch es gibt Tage da gewinnt man, und es gibt Tage, da verliert man. Und nicht gerade ein Glückstag ist der Tag in Kerseys zuvor sorglosem Leben, als seine Frau und seine Tochter von Einbrechern über den Haufen geschossen werden. Danach auf jeden Fall entdeckt der Mediziner doch seine Lust auf Waffen. Des Nachts streift er von heute auf morgen nämlich umher, um dem Abschaum der Alleys die Lichter auszuschießen. Nicht nur er, auch seine Psychologin meint nach einigen Tagen Therapie, dass es mit ihm psychisch wieder bergauf geht.

Es sind Gags wie diese, die bei einer gewiefteren Inszenierung und einem zurechtgefeilteren Drehbuch zünden würden, hier aber geruchlos verpuffen. Allein der Umstand, dass praktisch jeder die Matrizen von Roths Aufguss kennt, hätte es ratsam erscheinen lassen, sich gut zu überlegen, was man denn eigentlich will mit dieser Wiederaufführung - außer ein paar Kröten zu verdienen. Zwar vermochte es Eli Roth einst mit „Cabin Fever" (2002) und „Hostel" (2005) durchaus ansprechende Beiträge in Sachen Horrorkino zu leisten, die mit einer gewissen Berechtigung gefeiert wurden, doch zeigte erst unlängst sein liebloses Re-Verwursteln des „Cannibal Holocaust", das er „Green Inferno" nannte, dass dem Mann die Ideen ausgehen. Auch ein Nimbus als „Splatter-Papst" ist kein Perpetuum Mobile und trägt nicht ohne weiteren Schub durch die Dekaden.

Spätestens jetzt also dürfte der Ruf Roths selbst bei seinen Freunden Schaden nehmen. Denn seine Version des sich selbst kurierenden Vigilanten ist weder erschöpfend genug, um beim Feuilleton punkten zu können (Übrigens im Gegensatz zu thematisch ganz ähnlich gelagerten, aber eben intellektuell interessanteren oder cineastisch profunderen Filmen wie „Die Fremde in Dir" [2007] oder „Death Sentence" [2007]), und er ist nicht gorig genug, um den Blutdurst der Fangemeinde stillen zu können. Hier wird mal ein Kopf zerquetscht und dort mal eine Kugel aus dem Bein gezogen. Es ist zahm, was hier an vorgeblichen Unappetitlichkeiten angerichtet wird. Also wenn schon, denn schon. Oder so. Bezeichnenderweise - und für viele erwartungsgemäß - gelang Roth also der Spagat zwischen wenigstens potentiell diskussionswürdigem Kino und seinem bisherigen Œuvre nicht. Und das trotz eingestreuter kritischer Töne zum Thema Waffenerwerb (Stichwort: Waffengeschäft). Doch womöglich ist das ja gar nicht zur Gänze seine Schuld. Und warum nicht? Weil Joe Carnahan, der ewige Regie- und Screenplay-Erstklässler, ihm hier als Krücke zur Seite gehumpelt ist. Immerhin ist der Mann beispielsweise verantwortlich für filmischen Pseudokrupp der Sorte „Smokin‘ Aces" (2006) und „Smokin‘ Aces 2" (2010). Und so jemand sollte eben Burger braten oder die Straße kehren, aber bitte keinen Stift in die Hand nehmen. Und auch keine Kamera.

Schlechte Publicity ist besser als gar keine Publicity. Heißt es. Und von der dürfte es ja gerade bei dem Sujet im Moment in den USA nicht mangeln. Doch wenn man sich die Einspielergebnisse der ersten zwei Wochen von „Death Wish" so anguckt, dann geht diese Losung wohl nicht immer auf. Apropos Losung. Das Wort hat ja in der Jägersprache noch eine ganz andere Bedeutung, und nicht wenige würden die in direkten Zusammenhang bringen mit Eli Roths neuem Film. Ganz so hart müsste man den Streifen - wenigstens als Genre-Enthusiast - dann aber doch nicht rannehmen. Denn solide Direct-to-Video-Kost wäre das hier eigentlich allemal. Nur eben kein Quäntchen mehr.

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