Da haben wir den Salat. Und die Walt Disney Studios ein Problem. Denn ihr neuestes „Star Wars" Spin-Off entpuppt sich als mittlere Box Office Katastrophe. Das mag diversen Versäumnissen und Fehlentscheidungen geschuldet sein - wie einem gegenwärtig zu hohen Ausstoß an „Star Wars" Kinofilmen, einem schlecht gewählten Starttermin oder einer zu leisen Werbetrommel -, eines jedoch steht fest: Es ist nicht die Qualität von „Solo: A Star Wars Story", die dafür verantwortlich wäre, dass die Geschichte um den Ursprung der sympathischen selbstzentrierten Hauptfigur des Franchise aktuell floppt. Denn trotz der angsteinflößend umfassenden Nachdrehs und des rotierenden Personalkarussells ist das fertige
Installment ein ziemlich gelungenes Filmchen, das in Sachen Einfallsreichtum und Herzblut nicht nur die überwiegende Mehrzahl der sommerlichen Konkurrenzprodukte, sondern auch „
Star Wars: Episode VIII - Die letzten Jedi" (2017) auf der Strecke lässt. Schade also, dass es insgesamt zu wenigen auffällt, dass die zukünftige Rebellion derzeit eine solch herbe Niederlage hinnehmen muss.
Es ist das Portrait des jungen Han Solo, das hier neu erfunden der Saga hinzugefügt werden soll. Der zukünftige Glücksritter lebt am Anfang der Geschichte als junger Mann mit seiner Freundin auf dem wenig einladenden Planeten Corellia, von dem das Pärchen schnell weit, weit weg will. Aber nur Han gelingt die Flucht vorbei am imperialen Zollpersonal. Und es werden Jahre vergehen, bis sich die beiden, unter völlig unvorhergesehen und gänzlich anderen Umständen, auf dem Schiff des skrupellosen Gangsterboss Dryden Vos (Paul Bettany) wiedersehen. Doch sind die Karten des Schicksals nun neu gemischt. Han liebäugelt bereits mit dem Widerstand gegen das in jenen Tagen die Galaxis dominierende Imperium, und seine Ex-Freundin („Game of Thrones"-Star Emilia Clarke) hat ihre ganz eigenen Pläne als rechte Hand von Vos. Und die wiederum kennt zur Gänze wohl nur der zweite Teil dieses hinter vorgehaltener Hand als Trilogie angelegten Seitenprojekts des „Star Wars" Franchise. Doch ob es nach den bisherigen Einspielergebnissen tatsächlich so dreifach schön kommt, steht nun buchstäblich in den Sternen.
Alden Ehrenreich hat die Ehre, das Ikonische an der beliebten, titelgebenden Figur aus der „Krieg der Sterne"-Reihe in einen neuen Film, beziehungsweise einen neuen Dreiteiler, zu transportieren. Dass das keine leichte Aufgabe ist, bedarf gegenüber - sagen wir - vor dem Jahr 1985 geborenen Filmfans eigentlich keiner weiteren Erwähnung. Dabei möchte man noch nicht einmal so weit gehen, zu sagen, dass der zum Beispiel aus „
Hail Caesar!" (2016) bekannte Ehrenreich diese Aufgabe erfolgreich meistert. Er ist als junger Solo physiognomisch zu austauschbar, zu unauffällig, zu pflegeleicht und außerdem zu klein, um in die großen Fußstapfen des hochstapelnden Chauvis mit Herz zu treten, der einst alle Szenen an sich riss. Die Frage ist allerdings, ob es überhaupt möglich gewesen wäre, einen adäquaten Ersatz zu finden. Wahrscheinlich nämlich nicht. Und so dringend braucht es eine 1:1 Kopie auch gar nicht. Denn "Solo: A Star Wars Story" bietet so viel Unterhaltung, dass die womöglich diskussionswürdige Besetzung des Hauptdarstellers zu verschmerzen ist.
Han Solo, der hier ein wenig den Oliver Twist gibt in seiner Anfälligkeit, sich als Junge ohne Elternhaus von zwielichtigem Volk für fremde Zwecke einspannen zu lassen, bekommt schöpferische Verstärkung. Dabei geht es durch verschneite Bergkulisse und vertrautes Wüstensetting. Vor allem die Alpenwelt bietet in ihren Bildern eine erquickliche und dringend notwendige Abwechslung zum bisweilen redundanten Hin- und Hergehüpfe zwischen den Sternen der letzten Teile. Wie auch schon „
Rogue One: A Star Wars Story" (2016), der seine Kriegsgeschichte in ein azurblaues Südseeszenario setzte, bietet das nunmehr zweite Spin-Off viel wohltuend neuen Hintergrund. Wenn da die Mannen und Minnen rund um Han Solo beinah wie im klassischen Western bei ihrem Raubüberfall auf einen Zug von Wagon zu Wagon springen, dann ist das wiedermal eine pfiffige neue Idee und eigentlich genau das, was viele Fans der Saga an „
Star Wars: Episode VII" vermissten. So wie überhaupt viel versucht wird, noch nicht Dagewesenes an Ideen in eine Story zu stricken, die dennoch dem Geist der großen Vorbilder (Episoden IV bis VI) verbunden ist.
Im Gegensatz zum etwas verblassten Profil der Hauptfigur, steht ein anderer alter Bekannter wieder in alter Frische vor uns. Der derzeit in den USA mit seiner musikalischen Gesellschaftskritik wie ein bunter Hund bekannte Donald Glover verleiht dem überaus beliebten Lando Calrissian einen geradezu klassischen Schliff. Und erntet dafür zu Recht viel Beifall. Die Inszenierung seiner Figur ist symptomatisch für den willkommenen Versuch der Verantwortlichen, den Fans in ihrer Liebe für die Ur-Trilogie entgegenzukommen. Dass dieses Bemühen derzeit an der Kinokasse keinen Niederschlag findet, ist kurios. Und bedürfte weiteren Aufdröselns - das hier allerdings zu weit führen würde. Es ist nun einmal wie es ist, und die Walt Disney Studios müssten und werden sicherlich ihre Geschäftspolitik überdenken. Man muss nicht der Konkurrenz alles nachmachen. Denn auch dort wird eines Tages, auch wenn das heute keiner glaubt, eine Sättigung des Marktes eintreten und die Superhelden vorübergehend ausgedient haben. Und dann werden ebenfalls Millionen in den Sand gesetzt oder ins All geblasen worden sein. Also bitte nicht nach den Sternen greifen. Auch wenn die hier vermeintlich so nah sind.