Der junge Jude Yakov hat seiner strenggläubigen Gemeinde in Brooklyn den Rücken gekehrt. Sein alter Rabbi bittet ihn dennoch um einen letzten Job: er soll für fünf Stunden der Schomer, der Totenwächter, für den verstorbenen Holocaust-Überlebenden Rubin Litvak sein. Und weil Yakov wegen seiner Abnabelung Geld braucht, willigt er auch ein. Doch als Yakov Videobänder findet, auf denen Litvak davon spricht, seit seiner KZ-Zeit von einem Mazzik genannten Dämon verfolgt zu werden, ahnt er, dass 500 Dollar für diese Nacht noch viel zu wenig sind...
Das unbestritten interessanteste an „The Vigil – Die Totenwache“ dürfte der gesellschaftiche Hintergrund sein, vor dem sich ein ansonsten nach den Mustern des Genres gefertigtes fast-schon-Allerwelts-Dämonen-Szenario entspinnt, denn selten wurde das Spannungsfeld zwischen gemäßigtem und ultra-orthodoxem Judentum und dem alltäglichen Antisemitismus so deutlich zur Grundlage eines Horrorfilms gemacht. Schon dies allein macht den Film sehenswert. Während man nämlich sonst einfach nur mal gerne einzelne jüdische Motive mehr oder minder oberflächlich aufgreift und gewinnbringend verarbeitet (den Golem, den Babadock), ist hier die Handlung tief in der Religion aber auch im kollektiven Bewusstsein jüdischer Identität (die Shoa) verwurzelt – was wie gesagt den besonderen Reiz von „The Vigil – Die Totenwache“ ausmacht und von dem man sich gewünscht hätte, das dies noch mehr vertieft worden wäre. Doch Keith Thomas verlässt sich eben daneben auch viel zu oft auf die üblichen Taschenspielertricks des Genres und fährt Jump-Scares, tonale Effekte und viel Unheimliches im Dunkeln auf. Das funktioniert zwar ohne Frage, bremst aber immer wieder die eigentliche Triebfeder der Handlung aus, die sich um die offenkundig im Judentum tief verankerten Frage nach einer wie auch immer gearteten eigenen Schuld dreht. Trotz dieser leicht unzufrieden machenden Diskrepanz zwischen intelligentem Inhalt und streckenweise eher dummer, weil eben x-beliebiger Schock-Inszenierung gehört „The Vigil – Die Totenwache“ zweifelsohne zu den Höhenpunkten dieser Horror-Saison. Inwieweit Produkschmiede Blumhouse für die leichte Verwässerung des starken Inhalts Verantwortung trägt, ist letztendlich egal, denn wie gesagt: der Film ist sehenswert. Bildformat: 2,39:1. Mit Dave Davis, Lynn Cohen, Malky Goldman, Menashe Lustig u. a.
Ab 11.02.2021 auf DVD und Blu-ray erhältlich.
© Selbstverlag Frank Trebbin