Mit Sherlock Holmes haben sie es schon erfolgreich durchgezogen und auch dank Benedict Cumberbatch die ikonografische Detektivfigur ins hier und heute transportiert. Nun wagen sich Mark Gatiss und Steven Moffat an Bram Stoker und seine nicht minder schwergewichtige Hauptfigur vampirischen Ursprungs: „Dracula“, ist eine bislang über drei spielfilmlange Folgen angelegte Netflix-Mini-Serie, die sich lose an Stokers literarische Vorlage hält, und dem bereits oft verfilmten und x-fach variierten Stoff quasi neues Blut einimpft. Und, was soll man sagen, die Modernisierung ist den beiden kreativen Köpfe hinter „Sherlock“ auch dieses Mal durchaus gelungen. Zwar versprüht ihre Vampir-Saga-Version zu keiner Zeit den absurden Humor und das irre Tempo der Sherlock-Holmes-Filme, doch lebt auch „Dracula“ von feiner Ironie, einigen geschliffenen Dialogen und dem wirklich knisternden Duell zwischen dem Grafen und einem weiblichen Van Helsing, die im Laufe der drei Filme quasi ganze Familiengenerationen durchläuft und somit von Folge zu Folge gewissen figürlichen Variationen unterworfen ist – was irgendwie smart daherkommt. Dabei überzeugt der Däne Claes Bang als dunkler, aristokratischer Dandy und Beißer ganz und gar in der Titelrolle, wirkt aber gegenüber Dolly Wells, die ihre unterschiedlichen Van-Helsing-Rollen wirklich mit Verve und einem entwaffnenden Spott spielt, leicht blasser, was allerdings kaum wirklich ins Gewicht fällt, denn dank clever geskripteter Schlagabtausche, die auch immer wieder mal die Meta-Ebene bemühen, ist es ein riesengroßes Vergnügen, wenn die beiden aufeinandertreffen.
Alles in allem darf man trotz der als ziemlich schwach weil kühn modernisiert empfundenen dritten Episode diese Netflix-Mini-Serie insgesamt als gelungen bezeichnen, denn der Geist von Stokers literarischer Vorlage lebt trotz aller Veränderungen in jedem einzelnen der drei Filme auf seine Weise – auch wenn zum hastig daherkommenden Schluss die Tragik des Vampirs etwas arg überinterpretiert wird. Das mag einige Fans verprellen, ist aber durch und durch einer künstlerischen Freiheit geschuldet, die hier insgesamt mehr positives bewirkt als umgekehrt. Nein, als Gurke darf man diese letzte Episode von „Dracula“ wahrlich nicht bezeichnen – sie fällt halt nur gegenüber den nach klassischen Horror-Mustern geschriebenen und auch inszenierten ersten beiden Filmen, die natürlich mit entsprechenden Sets und einer satten Ausstattung punkten, augenfällig ab. Teil drei hält es nämlich motivisch eher wie einst „Dracula jagt Mini-Mädchen“: lieber sich in der heutigen Jeunesse dorée verbeißen als auf ausgetretenen Pfaden wandeln – wobei Dracula dann auch erstaunlich gut mit Facebook & Co als Speisenkarte zurechtkommt! Gerade den etwas schelmischen Witz können Gatiss und Moffat im letzten Teil natürlich bestens bedienen.
Die einzelnen Episoden sind:
„Die Regeln des Biests“ (Regie: Jonny Campbell): Ungarn, 1897. Der britische Anwalt Jonathan Harker soll Graf Graf Dracula bei Grundstücksgeschäften und dem anstehenden Umzug nach England helfen. Schnell wird klar, dass Dracula ein Vampir ist, der sich am Menschenblut labt. Jonathan wird sein Opfer und verwandelt sich in einen Untoten. Seine Geschichte erzählt er in Rückblenden der Ordensschwester Agatha van Helsing, die Harker in einem Kloster in Budapest pflegt.
„Blutzoll“ (Regie: Damon Thomas) erzählt von Draculas Überfahrt nach England mit dem Passagierschiff „Demeter“, auf dem es – dem Vampir sei Dank – mehrere mysteriöse Todesfälle gibt.
In „Der dunkle Kompass“ (Regie: Paul McGuigan) wird der mit der „Demeter“ versenkte Vampir 123 Jahre später aus seinem nassen Grab befreit, kommt an die Küste Englands und treibt im heutigen London sein Unwesen. Ihm auf der Spur ist Zoe Helsing, eine Nachfahrin Agathas, die im Auftrag der Jonathan-Harker-Stiftung den Vampir jagt und unschädlich machen will. Währenddessen verfällt die junge Lucy dem smarten Grafen.
Über alle drei Filme sind einige dem Genre angemessen blutige Szenen verteilt, die aber insgesamt als recht zurückhaltend durchgehen dürften. Schockierende Details für zarte Gemüter gibt es dennoch. Die dabei zum Tragen kommenden Special Effects sind okay, was man allerdings von so mancher preisgünstig eingekaufter CGI-Aufnahme nicht behaupten kann. Glücklicherweise hält sich deren Einsatz in Grenzen und wirkt nicht wirklich störend. In Teil drei kommen zusätzlich die aus „Sherlock“ bekannten technischen Gimmicks wie z. B. eingeblendete Smartphone-Nachrichten und eine weitaus hippere Bebilderung der Ereignisse zum Einsatz. Leider wirken dann aber gerade die letzten zehn Minuten arg zusammengeschustert und hinterlassen einen faden Beigeschmack, der den wirklich sehenswerten Rest abwertet. Hier hätte man sich mehr Sorgfalt gewünscht. Nun, ja, trotzdem: wer sich auf das immerwährende Duell Dracula vs Van Helsing konzentriert, wird ein Vier-Sterne-Vergnügen erleben. Bildformat: 1,78:1.
© Selbstverlag Frank Trebbin