1961 erobert nicht zum ersten Mal eines von Tōhōs Monstern die Lüfte. Schon 1956 ließ Ishirō Honda den Himmelsstürmer Rodan von der Leine, einen hauptsächlich dem Pteranodon nachempfundenen Flugsaurier. Begleitet von riesigen Insekten wie aus einer heute nicht mehr gültigen biologischen Grundordnung, bediente der Godzilla-Vater erneut die archaische Faszination für das Urzeitliche der Trias-, Jura- und Kreidezeit. Und nach all diesen gepanzerten oder gehörnten Echsenartigen mit ihren Krallen und Mäulern kommt nun plötzlich eine Motte ins Licht geflattert.
Die Mechanik des Plots bleibt dabei dieselbe: Der Mensch zerstört durch seine Ignoranz das Gleichgewicht der Erde und unsichtbare Götter schicken umgehend die Quittung in Form eines Städte plattmachenden Kaiju, das so lange wütet, bis das Gleichgewicht wieder hergestellt ist. So weit, so bekannt. Es ist bloß die Form, die irritiert: Weiche Linien und leuchtende Farben erzeugen den Rhythmus, der hinter dem ersten Leinwandauftritt Mothras pulsiert. Von der perfekten ovalen Rundung des Eis zur geschlungenen Fortbewegung der (schwimmenden und kriechenden) Larve über den glatten Kokon bis zum perfekt gerundeten Bogen der Schwingen: Das Design widersetzt sich den eher männlich-hart modellierten Vorgaben des Genres und injiziert ihnen eine gehörige Dosis Weiblichkeit, die dem eigentlich geschlechtsneutralen Wesen dann auch umgehend in der englischen Übersetzung unterstellt wurde. Selbst die See vor der polynesischen Inselgruppe treibt wie ein samtener Vorhang über dem Meeresgrund und hat kaum etwas gemein mit der schäumenden und tosenden Wasserhölle, die etwa der Riesenhummer Ebirah in „Frankenstein und die Ungeheuer aus dem Meer“ später sein Habitat nennen würde. Die farbenfrohen Flügel und blau fluoreszierenden Augen Mothras spiegeln die schillernde Flora und Fauna ihrer geheimnisumwobenen Heimat. So manches exotische Standbild könnte glatt aus dem Zauberreich Oz stammen (beziehungsweise aus einem unerforschten Dschungelgebiet desselben). Und dann noch die Shobijin als Sahnehaube oben drauf, ein von den „Peanuts“-Schwestern Emi und Yumi Itō verkörpertes Zwillingspaar, dessen lieblicher Singsang wie eine fremdartige Sprache auf das mächtige Insekt einwirkt. Spätestens jetzt greifen die Klammern klassischer Märchenlogik und legen sich wie Wundheilung auf den albernen Radau, mit dem japanisches Monsterkino in der Regel konnotiert ist.
Nicht, dass man auf solchen deswegen gleich verzichten möchte, versteht sich. Obwohl sich die Titelfigur erst relativ spät zeigt und mangels zusätzlicher Monster der Eindruck eines ereignisarmen Einstiegs entstehen kann, erweist sich der Film rückblickend in Sachen „Suitmation Rumble“ durchaus als Herausforderung für die Modellbauer und Kostümdesigner. Das hat sicher auch damit zu tun, dass das mitproduzierende amerikanische Studio Columbia Pictures noch während der Produktion direkten Einfluss auf die kreativen Entscheidungen nahm und so für finale 20 Minuten sorgte, in denen noch einmal ein richtiger Wirbelsturm in der Großstadt entfesselt wird. Spielzeugautos werden unter dem Einfluss der Flügelschläge Mothras in einer bemerkenswert kontrollierten und auf den Punkt gebrachten Choreografie durch die Luft gewirbelt, bevor sie mit Gebäudewänden, Stromleitungen oder Wassertanks kollidieren und entsprechende Reaktionen auslösen. Die ursprünglichen (und schon mit einem Bein umgesetzten) Pläne Tōhōs, das Finale auf die Insel zu verlagern und dort recht unspektakulär kurzen Prozess mit dem Bösewicht zu machen, hätten den mystischen Charakter des Films vielleicht stärker betont, doch mit dem letzten Ausrufezeichen aus der Trickeffekt-Abteilung wird in der finalen Fassung genau das richtige Maß an Schauwerten erfüllt. Wenngleich man sich das Schicksal des Bösewichts auch in der vorliegenden Form noch etwas spektakulärer gewünscht hätte; schließlich stellt Jerry Itō ihn so herrlich fies dar, dass man am liebsten sehen würde, wie er von der Motte gepackt, in die Luft getragen und viele hundert Meter über der Stadt wieder fallen gelassen wird, wo ihn die Spitze des Tokyo Tower aufspießt.
Wenn der Fernsehturm im Herzen der japanischen Hauptstadt aber schon keinen Mord begehen darf, so findet er immerhin eine Zweitbestimmung als Brutstätte. Ist die Larve einmal dort angekommen, macht sich ein Kokon (in verspielter Referenz auf die Peanut-Schwestern als Erdnuss geformt) im Szenenbild breit und augenblicklich formt sich das symbolträchtige Monumente-Kino eines King Kong, der es auf das Empire State Building abgesehen hat. Eingesponnen von Seidenfäden wird der Turm so zu einem der ikonischen Objekte des Films, markiert er doch den Meilenstein für das letzte und wichtigste Metamorphose-Stadium der Motte, die sich als äußerst vielseitig erweist. Auf eine Kreatur wie Hedorah („Frankensteins Kampf gegen die Teufelsmonster“, 1971), letztlich sogar auf Godzilla selbst („Shin Godzilla“, 2016), dürfte sie mit ihrer zyklischen Regeneration einen gewissen Einfluss ausgeübt haben. Weiterhin ist die geflügelte Dame im Nerz gar nicht so wehrlos wie ihre äußere Erscheinung suggeriert. Im Wasser zerstört sie Schiffe, am Boden ganze Landstriche, die mit Panzern und sonstigem Kriegsgerät verteidigt werden. Wenngleich die Physis ihrer stampfenden Kollegen fehlt, so kompensiert Mothra diese Mängel mit Eleganz und nicht zuletzt dem Moment der Überraschung. Was dann wohl auch für die Filmgeschichte gilt: Wohl kaum ein Filmkritiker hätte damals gedacht, dass sie einmal zu den beliebtesten Kaijus überhaupt gehören würde. Dabei liegen ihre Besonderheiten auf der Hand: Wo ein Godzilla nie mehr als ein Wächter der Natur sein kann, repräsentiert Mothra die Natur selbst.
Dieser Entwurf verpflichtet nun gewissermaßen zu einem ernsthaften Kommentar in Richtung sozialer, politischer und ökologischer Belange, die das Drehbuch mit einem Blick für das Globale umzusetzen wagt. Das Land „Rolisica“ mit seiner wenig einfallsreich benannten Hauptstadt „New Kirk City“ ist ein nicht eben subtiler Verweis auf die beiden Kalter-Krieg-Weltmächte Amerika und Russland, insbesondere wenn in den Büros der rolisikanischen Regierungshäupter Flaggen mit Stern, Sichel und Streifen aufgestellt sind. Es ist aber doch bemerkenswert, dass sich ein auf den ersten Blick völlig kindischer Monsterfilm dazu hinreißen lässt, die weltpolitische Lage zu kommentieren; insbesondere, da die häuslichen Sorgen rund um Umweltzerstörung und Atomwaffen darüber keineswegs vergessen werden. Wenn die zerbrechlichen Feen vom Filmbösewicht rüde gepackt und in einen Käfig gesteckt werden, kommt darüber hinaus sogar noch das Thema Frauenrecht zur Sprache. Gemessen an der simpel strukturierten Handlung ist das schon eine Menge Stoff, der da hochexplosiv unter der unscheinbaren Oberfläche brodelt. Selbst die komödiantischen Einlagen Frankie Sakais bleiben stets respektvoll gegenüber den Subtexten des Films, der nie den klamaukigen Charakter der späteren Kloppereien annimmt.
Oft unterschätzt, hat sie ihre Einzigartigkeit immer wieder erfolgreich unter Beweis gestellt: Mothra ist vielleicht die essenzielle Kraft hinter den Titanen aus dem Hause Tōhō. Ihr erster Auftritt kratzt bereits an der symbolischen Ausdruckskraft des Klassikers „Godzilla“ und weiß diesen in punkto Themenvielfalt sogar zu übertreffen. Dass sie im Jahr 2019 erstmals auch von den Amerikanern entdeckt wird, ist späte und gerechte Anerkennung.