MOTHRA BEDROHT DIE WELT
(MOSURA)
Ishirô Honda, Japan 1961
Vorsicht – dieses Review enthält SPOILER!
Dies ist ein weiterer jener Riesenmonsterfilme, die von der Tōhō Kabushiki Kaisha während Godzillas kleiner Ruhepause zwischen 1955 und 1962 gedreht wurden, und es ist ein wichtiger, denn seine Titelheldin sollte zukünftig noch in zahlreichen Godzilla-Streifen mitwirken und dem Großen Grünen bis ins neue Jahrtausend hinein eine treue Begleiterin sein. Ich persönlich war nie der größte Freund der mythischen Riesenmotte Mothra, aber im Zuge meiner unlängst erfolgten Wiederbegegnung mit den Godzilla-Filmen hat sich mein Verhältnis zu ihr doch deutlich verbessert – Ishirô Hondas Godzilla und die Urweltraupen (Mosura tai Gojira, 1964) oder Takao Okawaras Kampf der Saurier-Mutanten (Gojira vs Mosura, 1993) haben mir beispielsweise nicht zuletzt aufgrund ihres Mitwirkens sehr gut gefallen. Und so wurde es nun wirklich höchste Zeit, einmal ihren ersten Soloauftritt anzusehen.
Japan, 1961: Als über dem Südpazifik der Taifun Nummer 8 tobt, gerät der Frachter „Genyo Maru“ in schwere Seenot und zerbricht in zwei Teile, die schnell sinken. Die Mannschaft gilt als verloren, aber dann werden von einem Rettungshubschrauber aus doch noch vier Überlebende gesichtet, die es bis zu Insel Beiru geschafft haben. Schön für sie, nur: Aufgrund zahlreicher Nuklearwaffentests ist genau diese Gegend sehr stark radioaktiv verseucht. Nachdem die Männer geborgen wurden, untersucht man sie, um festzustellen, wie stark sie von der Strahlung betroffen sind. Was man jedoch feststellt, ist, dass sie überhaupt nicht betroffen sind – es liegt keinerlei Verseuchung vor. Das ist äußerst merkwürdig. Den einzigen möglichen Erklärungsansatz liefert einer der Männer, der berichtet, dass man von den auf Beiru lebenden Eingeborenen einen roten Saft zu trinken bekam (mmh, die Männer befanden sich am Meeresufer, als man sie entdeckte – sollten sie wirklich Kontakt ... ach, egal). Dem will man natürlich nachgehen, und so wird eine Expedition ausgerüstet und zur Insel Beiru entsendet, angeführt vom etwas seltsamen Clark Nelson, der im Auftrag der fiktiven Großmacht Roliscanien (in den UT Rolisica, sehr gern auch Roliscia, gelegentlich Roliskanien – in dieser Sache wird nie Einigkeit herrschen) handelt, welche sich für die Atomwaffentests verantwortlich fühlt.
Anderenorts interessieren sich derweil auch der Journalist Senichiro Fukuda und seine Fotografin Michi Hanamura vom Nitto-Abendblatt für die Angelegenheit, kommen mit ihren Recherchen aber nicht wie gewünscht voran. So suchen sie den berühmten Ethnologen und Linguisten Doktor Shin‘ichi Chûjô auf, der sie zwar nicht mit offenen Armen empfängt, aber dann doch ein paar Auskünfte zur Insel Beiru erteilt. Doktor Chûjô nimmt schließlich auch an der Expedition zu ebendieser Insel teil (in den UT als „Infanto-Expedition“ bezeichnet – das passt schon, denn Mothras Insel wird in späteren Filmen gemeinhin und mitunter auch in deutschen Synchronisationen als „Infant Island“ beziehungsweise „Infanten“- oder gar „Kinderinsel“ geführt), während der Presse die Mitreise kategorisch verwehrt wird. Fukuda aber, Vollblutjournalist, der er ist, schmuggelt sich an Bord des Expeditionsschiffs und stattet der Kajüte Nelsons einen heimlichen Besuch ab – der Mann ist ihm nicht geheuer. Durchaus zu Recht, denn Nelson greift sofort zur Pistole, als er Fukuda entdeckt, und scheint nicht abgeneigt zu sein, diese auch zu benutzen. Zum Glück betritt nun gerade Doktor Chûjô den Raum und hilft dem Journalisten damit aus der Klemme. Chûjô (verzichten wir von nun an auf den akademischen Grad) stellt Nelson wegen dessen Weisung, alle Forschungsergebnisse unmittelbar an ihn weiterzuleiten, zur Rede und verkündet, dass er eine solche Weisung zu ignorieren gedenkt. Fukuda wird indes „freigesprochen“, darf jedoch im Rahmen der Expedition seine journalistische Tätigkeit nicht mehr ausüben.
Dann geht es aber erst einmal hinein in die radioaktiv verseuchte Zone, und bald darauf sind einige Männer in Schutzanzügen auf der Insel Beiru unterwegs, die keineswegs die schroffe Steinwüste ist, die sie vom Meer aus zu sein scheint – hinter den ufernahen Felsen breitet sich ein üppiger Dschungel aus. Durch den kämpft man sich jetzt, wobei Chûjô seine eigenen Interessen verfolgt und eine Höhle untersucht, in der er „gigantische Mutationen von Schimmelpilzen“ vorfindet. Als er bald darauf wieder im Freien ist, spaziert er geradewegs einer riesigen fleischfressenden Pflanze in die Fangarme und läuft Gefahr, von den um seinen Körper geschlungenen Tentakeln erstickt zu werden. Kurz bevor er das Bewusstsein verliert, sieht er aber noch zwei winzige junge Frauen, kaum größer als zwanzig Zentimeter ...
Ja, das ist der allererste Auftritt der „Shobijin“ beziehungsweise Twin Fairies beziehungsweise Cosmos, die später noch in vielen Godzilla-Streifen (bis hin zu Godzilla: Final Wars) zu Gast sein sollten – hier aber offenkundig erst einmal Chûjô das Leben retten. Als der erwacht, berichtet er den anderen Expeditionsteilnehmern von seinem Erlebnis und führt sie, da ihm natürlich niemand Glauben schenken will, zum Ort des Geschehens. Tatsächlich geben sich die kleinen Zwillingsfeen zu erkennen, aber nun offenbart Nelson sein wahres Gesicht: Er fängt die beiden ein! Die Proteste Chûjôs und anderer wehrt er ab – bei den Shobijin würde es sich um „Forschungsmaterial“ handeln, und so müssten sie mit in die Heimat. Plötzlich aber sehen sich die Expeditionsteilnehmer von zahlreichen braun angepinselten Japanern, sprich „Eingeborenen“ eingekreist, deren Gebärden man recht deutlich als Drohung verstehen kann. Angesichts dessen und des immer stärker werdenden Drängens seiner nicht roliscanischen Begleiter gibt Nelson schließlich nach und lässt die Mädels frei.
Wieder in Japan stellen Fukuda und Chûjô erst einmal ein paar Nachforschungen zu diesem Clark Nelson an. Über den Roliscanier ist allerdings kaum etwas herauszufinden – lediglich ein paar Hinweise auf eine von ihm geführte und als gescheitert geltende Amazonas-Expedition sind aufzutreiben. Ungeachtet dieses Misserfolgs gilt Nelson jedoch seitdem als Wissenschaftler. Ferner stellen Fukuda und Chûjô fest, dass Nelson die Kosten der „Infanto-Expedition“ aus der eigenen Tasche bestritten hat, was Chûjô vermuten lässt, dass es sich bei diesem Mann um eine Art Grabräuber, auf jeden Fall aber um einen Geschäftemacher handelt.
Da liegt er richtig, denn von einem Moment auf den anderen befinden wir uns schon wieder auf der Insel Beiru respektive dem Infant Island: Hier schleicht Nelson des Nachts mit seinen Handlangern herum ... und fängt die Shobijin erneut ein! Diesmal lassen er und seine gut bewaffneten Leute sich allerdings nicht mehr von den erneut auftauchenden Inselbewohnern einschüchtern – sie eröffnen das Feuer und mähen jeden nieder, der sich ihnen in den Weg stellt. Über zweihundert (!) Eingeborene fallen diesem Massaker zum Opfer. Einer der Überlebenden kann sich jedoch noch bittend an eine Inselgottheit namens Mothra wenden, woraufhin eine Felswand auseinanderbricht und einen Hohlraum freigibt, in dem sich ein riesiges, blass türkis und gelb gefärbtes Ei befindet ...
Einige Zeit (hier: einen Schnitt) später betätigt sich Nelson in Japan als Schausteller und präsentiert die kleinen Zwillingsfeen im Rahmen einer ebenso aufwendigen wie kitschigen Show einem breiten Publikum. Das allgemeine Interesse ist riesig – wie’s aussieht, winkt Nelson tatsächlich ein ganz großes Geschäft. Die Shobijin aber trällern bei diesem „Auftritt“ erstmals ihr „Mosura“-Liedchen, und das bedeutet in diesem Fall sowohl für Nelson als leider auch für zahlreiche andere Menschen in Japan und Roliscanien nichts Gutes: Die Zwillingsfeen stehen noch immer in einer telepathischen Verbindung zu den Bewohnern ihrer Insel, und dort wird ihr Gesang ganz richtig als Hilferuf interpretiert. Nach einer Zeremonie der Eingeborenen bricht das riesige Ei auf und ihm entsteigt eine gigantische Mottenlarve beziehungsweise Mottenraupe.
Aber auch in Japan will man helfen. Fukuda, Michi, Chûjô und dessen wirklich sehr dicker minderjähriger Sohn Shinji (in den UT ist es der Bruder), mithin unsere Helden, empfinden die Entführung und Ausbeutung der Zwillingsfeen als Ungeheuerlichkeit, suchen Nelson nach seiner Show auf und fordern erneut die Freilassung seiner beiden Gefangenen. Nelson verweist auf die Rechtsgültigkeit seines Vorgehens, ist aber so großzügig, seinen Besuchern ein dreiminütiges Gespräch mit den Shobijin zu gewähren. Dabei erfahren sie Unerfreuliches: „Schreckliche Dinge werden geschehen“, teilen die jungen Frauen mit, denn Mothra (hier „Mottra“ gesprochen), eine Art Schutzengel, sei unterwegs, um sie nach Hause zu holen ...
Tatsächlich melden kurz darauf verschiedene Quellen, dass ein riesiges Objekt im Südpazifik gesichtet wurde. Es ist die frisch geschlüpfte Raupe, die sich der japanischen Küste nähert – dementsprechend sollte es sich bei ihr um Mothra handeln, die den Shobijin zu Hilfe eilt. Und sie hat miese Laune: Das Luxus-Passagierschiff „Orion“ wird von ihr mit Mann und Maus zerschmettert und versenkt. Angesichts einer derart bedrohlichen Entwicklung wollen Fukuda und Chûjô noch einmal mit den Shobijin reden – vielleicht können sie ja die wild gewordene Raupe zurückpfeifen. Ihr Aufenthaltsraum wird von einigen nicht gerade sensibel wirkenden Männern bewacht, aber Zaudern ist momentan unangebracht, und so schaltet Fukuda, der den Spitznamen „Bulldogge“ trägt, Nelsons Sicherheitspersonal mit roher Gewalt, sprich mit Tritten und Schlägen aus. Die Zwillingsfeen können jedoch leider nichts für die Menschen tun und müssen unseren Helden schweren Herzens mitteilen, dass die Lage absolut hoffnungslos ist – „nichts und niemand“ könne Mothra aufhalten ...
Eine vorerst theoretische Möglichkeit, die Menschen auf dem japanischen Festland zu retten, zeichnet sich dennoch ab: Auf Chûjôs Anregung hin wird ein kleiner Kasten aus einem Material, das telepathische Verbindungen unterbricht, hergestellt. Wenn man die Shobijin in dieser Kiste unterbringen (vermeiden wir einmal das Wort „einsperren“ ...) könnte, wüsste Mothra eventuell nicht mehr, wohin die Reise gehen soll. Überdies scheint das Militär einen guten Tag zu haben: Nach dem Einsatz von Jagdfliegern und Bombern gilt die Raupe als ausgeschaltet. Somit ist Nelson der Meinung, dass er mit Chûjô und Fukuda nicht mehr über anstehende Bedrohungen diskutieren muss, als sie mit ihrer Telepathieunterbrechungskiste bei ihm vorsprechen. Unverrichteter Dinge ziehen die beiden wieder ab, aber da kommt auch schon Michi mit neuen schlechten Nachrichten angerauscht: Am Staudamm „passiert etwas“. Sofort eilen Fukuda, Chûjô und sie zum Ort des Geschehens, wo die gerade noch von Nelson tot geglaubte Raupe putzmunter im Stausee herumplanscht (wie um Himmels willen kommt sie dorthin?) und sich anschickt, die Staumauer zu zertrümmern. Fukuda kann gerade eben noch schnell ein Baby retten, dann bricht die Mauer und das angestaute Wasser stürzt zu Tal.
Währenddessen versucht Chûjôs dicker Sohn (oder Bruder) Shinji ebenfalls den Helden zu spielen und will die Shobijin befreien. Es gelingt ihm sogar, den Käfig mit den Zwillingfeen zu stehlen, doch nach wenigen damit zurückgelegten Metern wird er von Nelsons Leuten aufgespürt und gefangen genommen. Für Nelson wird die Luft in Tokio dennoch dünn – die roliscanische Regierung hat eine Kehrtwende vollzogen und distanziert sich nunmehr von ihm. Nelson wird aufgefordert, die Shobijin freizugeben und bis dahin ganz oben auf die Fahndungsliste gesetzt. Da hilft nur noch die Flucht – der Gesuchte schnappt sich die Shobijin, steckt sie samt Telepathieunterbrechungskiste in einen Koffer und macht sich auf zum Flughafen, wo er verkleidet das Land verlassen und sich in seine roliscanische Heimat absetzen kann.
Die grimmige Raupe erreicht derweil trotz aller Abwehrversuche des Militärs Tokio und rammelt dort einen Straßenzug nach dem anderen um, bis sie schließlich auch noch die obere Hälfte des Tokyo Towers abknickt. Dann gibt sie Ruhe ... und beginnt sich unterhalb des demolierten Turms einzuspinnen, bis ein riesiger Kokon entstanden ist. Die Roliscanier haben sich unterdessen endgültig positioniert und stellen den Japanern für den Kampf gegen die Monsterraupe sogar ihre neueste Wunderwaffe zur Verfügung – laut Untertitel eine „atomare Hitzekanone“ und laut Synchro eine „Parabol-Laser-Waffe“. Im Prinzip passt beides. Pünktlich um zehn Uhr wird der Hitzestrahlenangriff auf den Kokon gestartet, und bald darauf steht er in Flammen – weshalb Nelson, der gerade mit zwei Vertrauten auf seiner roliscanischen Farm angekommen ist und entsprechende TV-Aufnahmen sieht, die Sektkorken knallen lässt. Aber ist die Gefahr wirklich gebannt?
Nein, ist sie natürlich nicht. Jetzt geht’s erst einmal richtig los: Aus dem noch brennenden Kokon entsteigt die Riesenmotte Mothra – jetzt endlich in voller farbenfroher Pracht. Da in Tokio nichts mehr für sie zu tun ist, macht sie sich umgehend auf den Weg nach Roliscanien, ohne auf die Kollateralschäden zu achten, die ihr Flügelschlag beim Verlassen der japanischen Metropole auslöst. Sie ist flott unterwegs, denn schon bald trifft sie in der roliscanischen Hauptstadt „New Kirk City“ (!) ein, die fürwahr wie eine leicht futuristische Ausgabe von New York aussieht. Aber nicht mehr lange: Bald sieht sie aus wie eine weitgehend zerstörte Ausgabe von New York, denn der Wind, den Mothra mit ihren Flügeln erzeugt, schleudert nicht nur Autos wie leere Streichholzschachteln durch die Lüfte, sondern zerlegt auch so manchen Wolkenkratzer. Tausende Einwohner müssen ihr Leben lassen. Die Roliscanier sind natürlich stinksauer, und zwar nicht zuvorderst auf Mothra selbst, sondern vielmehr auf Nelson, dem man ihren verheerenden Besuch zu verdanken hat. Und auch Nelson ist stinksauer, weil es nach Lage der Dinge nichts mehr wird mit den Geschäften. Erneut muss er fliehen und sich nun sogar vor den eigenen Landsleuten in Acht nehmen. Die versuchen wiederum vor Mothra zu fliehen und verstopfen in ihrer Panik die Straßen – zum Beispiel jene, auf der Nelson gerade angefahren kommt. Als er deswegen halten muss, erkennt ihn eine Frau und schlägt Alarm. Das war’s für den Fiesling – selbst seine Pistole hilft ihm jetzt nicht mehr: Nachdem er einen Polizisten angeschossen hat, wird er von dessen Kollegen mit mehreren Schüssen niedergestreckt. Die Shobijin sind damit frei, aber noch müssen sie gewissermaßen an Mothra übergeben werden. Chûjô lässt daher auf dem Gelände des New Kirker Flughafens ein Schlüsselzeichen der Beiru-Mythologie aufmalen und dazu sämtliche (noch intakten ...) Glocken der Stadt läuten – so macht man Mothra auf die gewünschte Kontaktaufnahme aufmerksam. Es gelingt: Die Riesenmotte lässt sich punktgenau auf ihrem „Landekreuz“ nieder, nimmt die Zwillingsfeen nach deren herzlicher Verabschiedung von den Menschen „an Bord“ und flattert gemütlich, sprich ohne weitere Zerstörungen zu hinterlassen, ihrer Heimat entgegen.
Ende gut, alles gut also ... bis auf zahlreiche Opfer in Tokio und New Kirk City, an Bord der Orion und auf der Beiru-Insel. Auch an die sollte man dringend denken, obwohl zumindest die Betroffenen in den Städten wie in fast allen Kaijū Eiga zur bloßen Randnotiz verkommen (nicht zuletzt, weil man sich ja einreden darf, dass die entsprechenden Orte rechtzeitig evakuiert wurden oder zufällig niemand zu Hause beziehungsweise bei der Arbeit war). Bei den Eingeborenen auf Beiru respektive Infant Island wird das Sterben indes deutlicher und somit auch irritierender, weil es vorn und hinten nicht in das Bild passen will, das man ansonsten von Mothra bedroht die Welt bekommt. Der erste Kinoauftritt der Riesenmotte, die bis ins neue Jahrtausend hinein ein substanzieller Bestandteil des Tōhō-Kaijū-Universums sein sollte, ist nämlich eine familienfreundliche und oft genug sogar dezidiert humorvolle Angelegenheit (so ist zum Beispiel Fukuda bis in die zweite Hälfte des Films hinein überwiegend am Herumkaspern), und da wirkt es reichlich verstörend, wenn plötzlich zahlreiche Inselbewohner von Nelson und seinen Leuten dahingemetzelt werden – obgleich dies durch die realitätsferne und peinliche Theatralik, mit der die (allesamt ohne erkennbare Schusswunden) „getroffenen“ Statisten zu Boden gehen, merklich abgemildert wird. Auch Umfallen will gelernt sein.
Ein Kinderfilm wie später einige Gamera-Streifen des Konkurrenzunternehmens Daiei ist Mothra bedroht die Welt also nicht – eher kann man in dieser vom damaligen Tōhō-Stammautor Shin‘ichi Sekizawa nach Storys von Shin‘ichirô Nakamura, Takehiko Fukunaga und Frau Yoshie Hotta ersonnenen Arbeit eine Art Märchen sehen, das zwar ein breites Zielgruppenspektrum hat, dabei aber fraglos Zuschauer jenseits des Grundschulalters ansprechen will. „Fantasy“ wäre ein anderes Wort, mit dem man hier operieren könnte. Ausdruck dessen ist nicht allein die Einbindung der Motte in die Mythen „ihrer“ Insel, sondern vor allem der prominente Auftritt der Shobijin (was so viel wie „schöne kleine Menschen“ bedeutet), die ja genau genommen reinste Märchenfiguren sind. An den beiden haben sich freilich schon immer die Geister geschieden – ich denke sogar, dass die meisten Kaijū-Eiga-Freunde ihnen alles andere als wohlgesonnen sind. Selbst ich hatte mitunter meine Sorgen mit ihnen, aber während sie in den Godzilla-Streifen gewissermaßen (mehr oder weniger unerwünschte ...) Gäste sind, ist Mothra bedroht die Welt ganz eindeutig ihr Film, und somit stören sie natürlich weniger als in Arbeiten, die dem Großen Grünen und anderen Monstern gehören.
Wer ihnen zum ersten Mal begegnet, könnte angesichts ihres Auftretens dennoch ziemlich verunsichert sein, und dies erst recht, wenn sie ihr „Mosura“-Liedchen trällern, das hier zum ersten Mal erklingt. Als aufrechter Godzilla-Fan kann man es indes schon im Schlaf mitsummen – und bekommt es nicht mehr aus dem Ohr, wenn man es wieder einmal gehört hat. So geht’s mir jedenfalls gerade, und dies schon fast einen ganzen Tag lang. Die Zwillinge singen dieses Lied übrigens auf Malaysisch (!), damit es auch für die einheimischen, also japanischen Zuschauer etwas Mystisches und Geheimnisvolles hat. Der „Diebstahl“ der Shobijin durch den skrupellosen Geschäftsmann Nelson bildet nun den Kern der Handlung, mit der uns Mothra bedroht die Welt insgesamt tadellos bei Laune halten kann. Über Sinn und Logikschwächen muss man sich dabei nicht lange streiten (Jörg Buttgereit macht beispielsweise im Audiokommentar ganz richtig darauf aufmerksam, dass der eigentliche auf Beiru zu findende Knüller doch jener Saft ist, der eine radioaktive Verseuchung verhindert!) – Ishirô Hondas Arbeit dient in allererster Linie der Unterhaltung, und da muss man nicht jeden kleinen Patzer auf die Goldwaage legen. Ebenso wenig sollte man dem geschilderten Treiben allerdings Tiefgang andichten, auch wenn sich darin etwas Kapitalismus- und Amerikakritik auffinden lassen – das fiktive Land Roliscanien verkörpert selbstredend die beiden Atommächte USA und Sowjetunion, aber der Blick geht doch eher in Richtung Amerika: Die Roliscanier fliegen in Pan-Am-Maschinen und Nelson ist nun mal Nelson und nicht Nelsowitsch oder Nelsikowski.
Und nicht einmal Mothra ist immer Mothra – zumindest nicht die „fertige“ Riesenmotte. Zunächst und auch eindeutig die längste Zeit ist sie in Form ihrer Raupe unterwegs, die aber erfreulicherweise schon mal für viel Stimmung sorgt und nicht nur en passant den Luxusdampfer Orion versenkt, sondern auch große Teile Tokios (vornehmlich Shibuya) in Trümmer legt. Das traut man so einer Raupe, obgleich sie gut hundert Meter lang ist, gar nicht zu. Aber es kommt noch besser: Nach ihrer Metamorphose zur finalen Monstermotte (oder zum Monsterschmetterling, nach dem sie mit ihren bunten Flügeln sehr viel eher aussieht) sorgt Mothra wie schon erwähnt vor allem in New Kirk City (sehr subtil ... noch etwas, das auf Amerika verweist) für denkwürdige Actionszenen. Viel Screentime gibt es für das Titelmonster insgesamt nicht, aber sie wird fast vollständig für Großes genutzt. Wobei: Ein Monster im eigentlichen Sinn finden wir in Mothra gar nicht – sie mag zwar unangenehm groß sein, ist aber keineswegs von Natur aus böse, sondern will nur ihre beiden „Schutzbefohlenen“ zurück nach Hause holen. Damit, dass sie bei der Wahl ihrer Mittel nicht gerade zimperlich ist, müssen die Menschen leben. Mothra sollte übrigens auch in ihren kommenden Kinoauftritten nie als Antagonistin auftreten und sich entweder neutral verhalten oder noch viel öfter direkt auf Seiten der Menschen gegen andere, auch charakterlich echte Monster kämpfen – immer unter Einsatz ihres Lebens. Nicht zuletzt daher hat sie sich auch zu einem veritablen Publikumsliebling entwickelt. Und so kann Mothra bedroht die Welt (mit der oben genannten Einschränkung!) ein gutes Ende finden – unsere allesamt hoch sympathischen Helden, die winzigen Zwillingsfeen und die umso größere Motte sind gesund und munter und sehen einer hoffentlich ruhigen und friedlichen Zukunft entgegen (davon, dass sich Mothra schon drei Jahre später zum ersten Mal mit Godzilla herumprügeln muss, wissen wir an dieser Stelle der Kaijū-Eiga-Geschichte noch nichts ...).
Gegenstand der hiesigen Betrachtung ist übrigens die deutsche Kinofassung des Streifens, die mit etwa neunzig Minuten Laufzeit knapp zwölf Minuten kürzer ist als die japanische Originalfassung. Da mir Letztere ebenfalls vorliegt, habe ich inzwischen natürlich auch sie einmal angeschaut und konnte relativ gut ausmachen, an welchen Stellen geschnitten beziehungsweise gekürzt wurde – zumindest dort, wo der O-Ton verblieben ist und die entsprechenden Dialoge untertitelt wurden. Betroffen sind neben einem weiteren (und weniger schönen) Liedchen der Zwillingsfeen ein etwas holpriger Versuch unserer Helden, auf Beiru mit den beiden zu kommunizieren, ein Blick auf das Passagierschiff Orion, ein kleiner Streit in der Redaktion des Nitto-Abendblatts, eine Szene, in der Nelson kurz vor seiner überstürzten Abreise nach Roliscanien mit den Shobijin redet, die Sequenz, die zeigt, wie Nelson etwas später die Zollabfertigung auf dem Tokioter Flughafen übersteht und ein flüchtiger Umschnitt zur raupenbedingten Lagebesprechung des japanischen Militärs. Vieles davon erscheint recht willkürlich ausgewählt, und eine zwingende Notwendigkeit zur Kürzung ist nirgendwo zu erkennen (nachvollziehbar ist am ehesten das Aussortieren des zweiten Liedchens ...). Andererseits nimmt der Streifen durch sie auch keinen essenziellen Schaden – mag es also sein, wie es ist.
Apropos Fassung: Nachdem die von Columbia Pictures vertriebenen Ishirô-Honda-Streifen Das Grauen schleicht durch Tokio und Krieg im Weltenraum in den Vereinigten Staaten sehr gut liefen, hat Columbia für Mothra bedroht die Welt sogar ein paar Dollarscheinchen im Voraus spendiert – und konnte sich damit das Recht erworben, Einfluss auf den Film zu nehmen. Das hat man dann auch getan und ein neues Ende erwirkt, weil den Amerikanern das ursprünglich von Shin‘ichi Sekizawa ersonnene Finale zu unspektakulär war. Sekizawas Idee war folgende: Nelson kidnappt Chûjôs Sohn Shinji und will sich mit ihm per Flugzeug nach Roliscanien absetzen. Über Hokkaido hat der Flieger jedoch einen technischen Schaden und muss notlanden. Wenig später kommt Mothra angeflattert und drängt den Antagonisten an den Rand einer tiefen Schlucht, in die er dann hinunterstürzt. In diesem Fall sind die Amerikaner wohl im Recht – ich denke, dass man mit dem vorliegenden Ende und seinen wunderbaren New-Kirk-City-Krawallszenen eindeutig besser beraten ist.
Optisch macht der Streifen ungeachtet seines inzwischen schon beträchtlichen Alters einen sehr guten Eindruck, was in meinem Fall auch seiner Quelle zu verdanken ist: Mir liegt die limitierte „Kaiju-Classics“-2-Disk-Edition mit Blu-ray und DVD aus dem Hause Anolis vor, und in einer besseren Qualität (wie auch mit besserem Bonusmaterial) dürfte man Mothra bedroht die Welt auf der ganzen nach wie vor (obgleich weniger von Motten) bedrohten Welt nicht bekommen. Die Farben verraten zwar abgesehen von der herrlich bunten Titelheldin, dass man hier keinen frisch gedrehten Film vor sich hat, aber die Bilder sind scharf und klar und weisen nahezu keine Schäden oder Verschmutzungen auf. Manch einer meint sogar, und da steckt mehr als nur ein Funken Wahrheit dahinter, dass die Qualität besonders der Blu-ray zu gut ist, weil man nun Dinge sieht, die man eigentlich nicht sehen soll und seinerzeit auch im Kino nicht sehen konnte, weil die Wiedergabe dort nicht in der gleichen Schärfe möglich war und die Filmrollen in der Regel auch generell schon schwer gelitten hatten. Die Seile zum Beispiel, an denen Mothra in der restaurierten Fassung deutlich erkennbar hängt, sollte man ganz gewiss nicht erkennen, und ebenso wenig, dass der Himmel in einigen Meeres-Sequenzen auf die hintere Studiowand gemalt wurde – was die Unebenheiten auf dieser Wand zweifelsfrei verraten.
Dass vor allem die Inselszenen in von schönen Matte Paintings geschmückten Innenräumen gedreht wurden, dürfte man freilich schon vor sechzig Jahren im Kino mitbekommen haben. Kein Grund zur Besorgnis: Karel Zemans umwerfende Jules-Verne-Variation Auf dem Kometen bedient sich beispielsweise fast ausschließlich unverhohlen gemalter Kulissen, und es hat seinerzeit niemanden gestört – zumindest niemanden, den ich kannte. Und mich stört es auch heute noch nicht, ebenso wenig wie gemalte Hintergründe auf der Studio-„Beiru-Insel“.
Bei alledem bewegen sich die Trickeffekte in Mothra bedroht die Welt jedoch locker auf der Höhe der damaligen Zeit. Mothra wird als Larve von mindestens zwei Darstellern, nennen wir sie einmal so, zum Leben erweckt, da das Larvensuit, nennen wir es einmal so, sehr viel größer ist als in den Godzilla-Streifen. Es ist ungefähr neun Meter lang, was deshalb möglich war, weil es nicht mit einem anderen (und dann entsprechend kleineren) Man-in-Suit-Monster interagieren musste. Allerdings waren so auch wesentlich größere Modellbauten nötig, was mitunter auffällt, weil sie nicht so detailreich wirken wie in anderen Kaijū Eiga und auch etwas anders auseinanderfallen als dort. Zumindest kann man diesen Eindruck gewinnen – Irrtümer beziehungsweise eine Fehleinschätzung sollen nicht ausgeschlossen werden. Schön sieht’s immer noch aus, wenn sie demoliert werden (sorry ...), und besonders eindrucksvoll sind die Szenen, in denen durch Mothras Flügelschlag Dutzende von Autos gefühlt kilometerweit durch die Luft geschleudert werden, als wären sie aus Papier. Es ist unverkennbar, dass es sich um Modelle handelt, aber ihre „Flüge“ wirken natürlicher als diejenigen, die man seit Längerem in CGI-Umsetzungen sieht – entsprechende Szenen sind von Independence Day bis hin zum nagelneuen Godzilla Minus One recht häufig anzutreffen. Es ist also noch immer etwas anderes, ob etwas tatsächlich physisch geschieht oder aus Pixeln besteht – in diesem Fall sind’s nur offenkundige Auto- und Häusermodelle, die durch die Luft wirbeln oder zusammenbrechen, aber sie fliegen und brechen eben wirklich.
Die „fertige“ Mothra wurde derweil in Form einer „Marionette“ umgesetzt und sieht hervorragend aus – gerade ihre Flügelbewegungen sind immer wieder verblüffend natürlich. Das muss man erst einmal hinbekommen. Über ihre kitschigen Augen und die steifen Beine habe ich mich schon oft genug ausgelassen, weshalb ich’s an dieser Stelle einmal nicht tun will. Die Motte, die uns hier begegnet, ist schon toll. Motte? Wieso eigentlich Motte? Gemeinhin gilt Mothra (der Name spricht schließlich erst einmal dafür) als solche, und auch ich habe sie immer als Motte bezeichnet, aber ehrlich gesagt sieht sie doch wie ein reinrassiger Schmetterling aus.
Zu den Spezialeffekten sei noch angemerkt, dass die Fahrzeuge der japanischen Armee wieder ihren unwiderstehlichen Spielzeug-Charme ausstrahlen und auch zwei Shobijin-Püppchen, die Nelson auf der Beiru-Insel „einfängt“ beziehungsweise aufhebt, herzallerliebst sind. Sehr gut ist zudem der Einsturz der Staumauer gelungen – nur die anschließende „Flutwelle“, die unter einer Brücke hindurchstürzt, verrät sich überdeutlich als Trick, da Wasser im Großen ein anderes Verhalten zeigt als im Kleinen und man sieht, dass hier nur eine harmlose Panscherei vergrößert wurde. Ganz übel sind indes die dunkel angepinselten Statisten, die sich als „Eingeborene“ der Südseeinsel Beiru betätigen müssen – ein altes Problem der Shōwa-Ära, das ich allerdings nie so krass empfunden habe wie hier (wenigstens hält sich das Ausmaß ihrer rituellen Tänze diesmal in erträglichen Grenzen). Dennoch: Hut ab vor der Arbeit, die Tōhōs Effekt-Guru Eiji Tsuburaya und seine Leute auch hier wieder geleistet haben.
Den Darstellern darf man ebenfalls eine gute Leistung bescheinigen – was sie im Rahmen eines Riesenmonsterfilms ausrichten können, richten sie tadellos aus. Als Doktor Shin‘ichi Chûjô ist der sehr angenehme Hiroshi Koizumi zu sehen, der hier bereits Kaijū-Eiga-Erfahrung mitbrachte und später noch sehr viel mehr davon sammeln sollte – so war er bereits 1955 als Pilot Shoichi Tsukioka in Godzilla kehrt zurück zu sehen, trat später in der filmübergreifenden Rolle des Professors Miura in Godzilla und die Urweltraupen und Frankensteins Monster im Kampf gegen Ghidorah, als Archäologieprofessor Wagura in King Kong gegen Godzilla sowie als Geologe Minami in Godzilla – Die Rückkehr des Monsters auf und verkörperte 42 Jahre nach seinem hiesigen Auftritt in Godzilla – Tokyo SOS noch einmal die Figur des Doktors Shin‘ichi Chûjô. Auch in anderen Tōhō-Produktionen wie U 2000 – Tauchfahrt des Grauens, X 3000 – Fantome gegen Gangster oder Matango war er mit von der Partie. Grundsympathisch ist auch Furankî Sakai (Todesstrahlen aus dem Weltall, allerlei Samuraifilme, einige Arbeiten von Akira Kurosawa und mehr) als Journalist Senichiro Fukuda, der hier eingangs für eine Weile den Kasper, letztendlich aber einen glaubwürdigen Helden gibt. Ausgezeichnet gefallen hat mir daneben auch Kyôko Kagawa (Tôkyô Monogatari, After Life und eine ganze Reihe von Akira-Kurosawa-Filmen, wie Nachtasyl oder Zwischen Himmel und Hölle) als Fotografin Michi Hanamura, die ebenso natürlich wie selbstbewusst auftritt und ganz sicher noch wesentlich mehr hätte leisten können, wenn’s denn nötig gewesen wäre.
Den Antagonisten Clark Nelson (japanisch Kurâruku Neruson ...) verkörpert derweil der Halb-Amerikaner Jerry Itô (Sternenkrieg im Weltall) deutlich over the top, sprich emsig boshaft dreinblickend und bei fast jedem Kontakt mit anderen Menschen angewidert das Gesicht verziehend. Das ist zweifellos arg übertrieben, aber hierher und auch zu ihm passt es gut, weshalb Mothra bedroht die Welt auch seinen Auftritt auf der Habenseite verbuchen darf. Ganz zauberhaft und wichtig ist ferner die Vorstellung der nicht mit Jerry Itô verwandten Zwillinge Yumi Itô und Emi Itô als Shobijin respektive „Kleine Schönheiten“ oder Twin Fairies – eine Rolle, die sie bald darauf auch in den beiden „Hauptreihen“-Filmen Godzilla und die Urweltraupen und Frankensteins Monster im Kampf gegen Ghidorah verkörpern sollten, obgleich nicht ganz so zentral wie hier, wo sie viel Screentime bekommen und einen ebenso nachhaltigen Eindruck hinterlassen wie die Akteure in den nominellen Hauptrollen. Emi und Yumi Itô waren seinerzeit als Schlagersängerinnen-Duo „The Peanuts“ in ihrer Heimat sehr populär (sie hatten immerhin zwei eigene Fernsehshows!) und konnten sich auch auf dem internationalen Parkett etablieren – selbst in der Bundesrepublik traten sie auf und veröffentlichten sogar mehrere Lieder in deutscher Sprache („Souvenirs aus Tokio / To-To-To-To-Tokio / machen jeden Sammler froh ...“ – zum Brüllen)!
In kleineren Rollen sind darüber hinaus noch ein paar weitere verdienstvolle Kaijū-Eiga-Mimen zu sehen: Akihiko Hirata zum Beispiel, der hier einen Arzt spielt, war bereits als Dr. Serizawa im Ur-Godzilla sowie in den artverwandten Tōhō-Produktionen Rodan, Weltraumbestien und Varan zu sehen und sollte auch später noch viel Arbeit im Bereich des Kaijū Eiga und seiner Peripherie haben – neben Auftritten in Ufos zerstören die Erde, U 2000 – Tauchfahrt des Grauens und U 4000 – Panik unter dem Ozean leistete er Tōhōs Hauptattraktion als Dr. Shigezawa in Die Rückkehr des King Kong, als stellvertretender Forschungsgruppenleiter Fujisaki in Frankensteins Ungeheuer jagen Godzillas Sohn, als „Red Bamboo“-Captain Yamoto in Frankenstein und die Ungeheuer aus dem Meer, als Nobelpreisträger Professor Miyajima in Godzilla gegen Mechagodzilla und als Doktor Shinzô Mafune in Die Brut des Teufels Gesellschaft. Noch häufiger war Kenji Sahara, der hier kurz als Hubschrauberpilot zu sehen ist, bei den einschlägigen Tōhō-Streifen mit von der Partie (das vollständige Aufzählen lasse ich jetzt einmal bleiben – am nachhaltigsten sind wohl seine Auftritte als Erfinder Fujita in King Kong vs. Godzilla und als fieser Antagonist Torahata in Godzilla und die Urweltraupen). Und auch Takashi Shimura (filmübergreifend als Dr. Yamane im Ur-Godzilla und in Godzilla kehrt zurück) als Nitto-Chefredakteur sowie Ken Uehara (U 2000 – Tauchfahrt des Grauens, UFOs zerstören die Erde, Todesstrahlen aus dem Weltall) als Wissenschaftler Dr. Harada sind keine Unbekannten – ebenso wenig wie der famose Haruo Nakajima, der bis hin zu Frankensteins Höllenbrut während der gesamten Shōwa-Epoche als Godzilla persönlich unterwegs war und hier im riesigen Mothra-Raupen-„Suit“ steckt. Unterstützt wird er dabei von Katsumi Tezuka, der bereits das Riesenstachelgürteltier Angilas bei dessen Debüt in Godzilla kehrt zurück verkörpert hatte und später die (dort sehr viel kleinere) Mothra-Raupe in Frankensteins Monster im Kampf gegen Ghidorah geben sollte. Der Score stammt schließlich von Yūji Koseki, für den das Mottendebüt die einzige Begegnung mit dem Kaijū Eiga blieb. Seine Musik ist eher leicht und harmonisch – und damit leider sehr unauffällig. Sie ist nicht schlecht, aber auch keine nennenswerte Hilfe.
Damit habe ich also endlich auch diesen wichtigen Non-Godzilla-Kaijū-Eiga kennengelernt – und ziemlich genau das gesehen, was ich sowohl erhofft als auch erwartet hatte: Mothra bedroht die Welt ist eine wundervolle alte Tōhō-Produktion in Gestalt eines leicht naiven, bunten, kurzweiligen, bisweilen humorvollen, bei Bedarf aber auch wuchtigen und imposanten Riesenmottenmärchenthrillers, der dank eines angenehmen menschlichen Personals auch während seiner zugegebenermaßen recht üppig ausgefallenen monsterfreien Zeit einen hohen Unterhaltungswert besitzt. Damit muss sich Mothra keine Sekunde lang vor ihren Berufskollegen Rodan und Varan verstecken, die bereits vor ihr in den Genuss eines Soloauftritts kamen. In den späten Neunzigern wurde Motte sogar noch eine (allerdings an ein eher junges Publikum gerichtete) Solotrilogie spendiert (konkret geht es um Mothra – Das Siegel der Elias, 1996, Mothra II – Das versunkene Königreich, 1997, und Mothra III – King Ghidora kehrt zurück, 1998) – wenn es sich einrichten lässt, werde ich auch die wieder einmal ansehen. Vorerst aber bleibt mir Ishirô Hondas Mothra bedroht die Welt, ein hoch sympathischer Vertreter seines Genres, der nachgerade exemplarisch für den entwaffnenden Charme steht, über den das japanische Monsterkino der Shōwa-Jahre verfügt. Filme wie diesen muss man einfach mögen.
PS: Tatsächlich sind Motten eine Familie der Schmetterlinge – ich habe gerade einmal nachgeschaut (alte japanische Riesenmonsterfilme haben also sehr wohl auch eine zumindest nachgeordnete Bildungsfunktion ...). Es ist demnach auf jeden Fall richtig, wenn man Mothra als Schmetterling bezeichnet, jedoch weniger richtig (Details wären zu prüfen), sie zur Motte zu erklären. Aber gut – wenn man sie Motte nennt, meint man’s ja nicht unbedingt wissenschaftlich und fühlt sich auch durch ihren Namen dazu angehalten. Ich will es dabei belassen – einmal Motte, immer Motte ...
(12/24)
8 von 10 Punkten aus subjektiver Sicht – objektiv darf man getrost 6 geben.