GODZILLA No. 10
GODZILLA: ATTACK ALL MONSTERS
(GOJIRA • MINIRA • GABARA: ÔRU KAIJÛ DAISHINGEKI)
Ishirô Honda, Japan 1969
Vorsicht – das folgende Review enthält SPOILER!
Godzilla: Attack All Monsters ist der letzte hierzulande veröffentlichte Godzilla-Film und demnach auch der letzte, den ich mir vor meinem Neusichtungsprojekt angesehen habe (stolze neun Jahre ist freilich auch das bereits her) – weshalb er jetzt eigentlich anderen Streifen der Reihe den Vortritt lassen sollte. Aber ich wollte ja chronologisch vorgehen, und daher habe ich mir Godzilla: Attack All Monsters (mindestens ebenso gut als Godzilla’s Revenge bekannt, im Original Gojira • Minira • Gabara: Ôru kaijû daishingeki) nun also „schon wieder“ angeschaut – jenen Film, der weithin widerspruchsfrei als Tiefpunkt der gesamten, bis heute 30 Filme umfassenden Original-Godzilla-Reihe der Tōhō-Studios gilt ...
Der Ärger geht auch schon mit Sekunde eins los: Die Opening Credits sind mit einem wirklich hässlichen, von Kindern gegrölten Song unterlegt, dessen Text uns am Ende erklärt, dass die wahren Monster nicht irgendwelche Daikaijū seien, sondern die Industrieanlagen, die unsere Umwelt zerstören. Dazu hatte man also auch seinerzeit schon eine klare und richtige Position, nur: Musste man sie uns auf derart abstoßende Weise ins Ohr krächzen und schreien?
Aber der Ärger geht weiter: Unser Protagonist ist der acht- bis zehnjährige (arrrgh!) Ichirô Miki, der gerade durch eine unfassbar trostlose Gegend (Industrieanlagen ...!) zur Schule geht und auf seinem Weg an eine Bande von gleichaltrigen Schülern gerät, die vom Rüpel Gabara (in der deutschen Synchronisation Gavara) angeführt wird und Ichirô gegenüber schon seit langem ein veritables Mobbing betreibt – man betrachtet ihn als ausgemachten Feigling und nimmt jede Gelegenheit wahr, um ihn herumzuschubsen. Aber Ichiro hat’s auch sonst nicht leicht: Sein Vater ist Lokführer und dank chaotischer Dienstzeiten kaum zu Hause, und seine Mutter ist ebenfalls ständig auf der Arbeit und muss sogar Doppelschichten absolvieren. Ergo lebt Ichirô fast allein. Lediglich sein Nachbar, der scheinbar nicht gerade erfolgreiche und leicht spleenige Spielzeugerfinder Shinpei Inami kümmert sich um den Jungen (er wird von Ichirô „Onkel“ genannt, aber ob es sich um den leiblichen handelt, ist unklar – eher nicht). So bleibt Ichirô nur, sich ein besseres Leben zu erträumen.
Freundlicherweise dürfen wir ihn auch gleich bei einem seiner Träume begleiten – auf geht’s per Pan-American-Flugzeug (!) zur Monsterinsel! Dort darf Ichirô live miterleben, wie Godzilla ein paar andere Monster verprügelt – namentlich drei „Kamakiras“, also Riesengottesanbeterinnen, und danach den immer wieder nervenden Hummer Ebirah ... womit der Ärger nun endgültig ärgerliche Formen annimmt, denn die entsprechenden Szenen wurden einfach ganz dreist und unverändert aus Frankensteins Ungeheuer jagen Godzillas Sohn „übernommen“. Als Ichirô ein Stück läuft, bringt er es fertig, in ein winziges Loch, durch das er gerade so hindurchpasst, zu stürzen und in die Tiefe zu fallen – eine Tiefe, die so tief ist, dass er den Sturz nur schwerlich hätte überleben können. Aber Ichirô bleibt unverletzt und muss feststellen, dass er aus seiner Tiefe nicht wieder herauskommt. Kein Problem: Jemand lässt eine Liane herunter und zieht ihn ans Tageslicht. Es ist, wir haben es geahnt und befürchtet ... Minilla! Der Ärger erreicht also einen Höhepunkt.
Minilla sieht genauso erbärmlich aus wie immer, hat aber seit seinem Leinwanddebüt etwas Wichtiges gelernt: Er kann jetzt fließend Japanisch sprechen (!!)! Diejenigen, die das noch nicht wussten, brauchen an dieser Stelle eine längere Erholungspause – für alle anderen geht’s weiter: Minilla berichtet seinem jungen Gast (und sofortigen Freund, natürlich), dass auch er Probleme mit einem „Gabara“ (gern auch „Gabera“, hier „Gavara“) hat – in seinem Fall ist das ein lächerliches grünes Monster, dessen Gesichtszüge eine leichte King-Seesar-Gedächtnis-Note tragen (wobei der freilich erst in King Kong gegen Godzilla respektive Godzilla gegen Mechagodzilla aufkreuzt – gewissermaßen hat King Seesar also ein Gabara-Gedächtnis-Gesicht, aber er ist eben bekannter). Gabara schaut auch gleich einmal vorbei und stänkert ein wenig herum, sodass Minilla (angesichts seiner geringen Größe vernünftigerweise) die Flucht ergreift ... und Ichirô aufwachen kann, denn nun ist auf der Monsterinsel erst einmal nichts mehr los.
Im wahren Leben braut sich indes bereits weiteres Ungemach für unseren Helden zusammen (der übrigens der Dünnste nicht ist und Tag wie Nacht mit der gleichen schlimmen kurzen Hose herumturnt): Es gab gerade einen Banküberfall, bei dem 50 Millionen Yen erbeutet wurden, und die beiden Täter haben sich womöglich in seiner Industriewohngegend versteckt. Die Polizei weiß allerdings noch nichts Genaues – oder besser gesagt weiß sie überhaupt nichts und wird auch später in dieser Sache nie auch nur eine Kleinigkeit wissen. Aber wir wissen bald mehr: Ichirô langweilt sich nämlich in seinem menschenverlassenen Zuhause und betreibt etwas Urban Exploring, indem er eine nahe gelegene und schon fast völlig verfallene alte Fabrik aufsucht und dort herumstöbert. Und ungefähr einmal darf man raten, wer sich dort versteckt hat ... Beim Herumstöbern findet Ichirô den Pass, den einer der beiden unterbelichteten Bankräuber im Gebäude verloren hat, und nimmt ihn mit nach Hause. Allerdings kann ihm der betroffene Gangster folgen und seinen Wohnort ermitteln – unser Held wird also bald unerwünschten Besuch bekommen.
Zunächst aber träumt sich Ichirô mithilfe der Pan American Airways (und einer fürchterlichen visuellen Umsetzung) wieder auf die Monsterinsel und zu seinem neuen besten Kumpel Minilla. Auch dessen Vater ist wieder aktiv und erledigt zunächst endgültig den nervenden Hummer, bevor er eine ganze Staffel von Düsenjets vernichtet, die laut Minilla angreifen, weil die Menschen die Monsterinsel erobern wollen (was für ein himmelschreiender Unsinn – die Menschen haben diesen Ort doch in ihrem ureigensten Interesse den Monstern überlassen). Dann ist aber Minilla an der Reihe: Der bekloppte Gabara kreuzt wieder auf und macht Stunk. Minilla, der vor seinem erfolgreichen Vater nicht länger als Feigling dastehen will, sucht nun den offenen Kampf, für den er allerdings erst einmal auf Gabara-Größe wachsen muss – also vergrößert er sich mal eben ganz selbstverständlich um das geschätzt Zwanzigfache (!! – es wird immer hirnrissiger). In der Folge gibt es eine lustige Balgerei zwischen Gabara und Minilla, aus der Letzterer dank eines von Ichirô empfohlenen Sprungbrett-Einsatzes als Punktsieger hervorgeht – Gabara landet nach einem Hundert-Meter-Flug benommen im Gebüsch, woraufhin Godzilla die Sache persönlich übernimmt und ihm den Rest gibt. Jubel. Feierstimmung.
Moralisch gestärkt begibt sich Ichirô zurück in die Realität, und dort darf er sich dann auch selbst bewähren, denn er wird von den beiden Bankräubern gekidnappt, die ihn „als Sicherheit“ auf ihrer weiteren Flucht mitnehmen wollen. Ichirô kann seinen grenzdebilen Entführern jedoch entkommen und sich in die schon bekannte alte Fabrik zurückziehen. Hier suchen ihn die beiden Ganoven nun eine gefühlte Ewigkeit lang, und obwohl ihr Fluchtauto samt Beute bereits mit laufendem Motor vor dem Gebäude steht, suchen und suchen sie immer weiter, und suchen ... bis sie lange genug gesucht haben, um von der Polizei gefasst werden zu können, die irgendwann von Onkel Shinpei gerufen wurde, weil dem das abfahrbereite, aber führerlose Auto aufgefallen war. Wie gut, dass sich endlich ein paar Leute gefunden haben, die den hilflosen Gesetzeshütern unter die Arme greifen – auch Ichirô gehört dazu, denn er hat einem der Bankräuber eine Falle gebaut und ihn mit leeren Dosen beworfen, und den anderen hat er mit einem Feuerlöscher besprüht. Als großer Held will er sich am nächsten Tag aber von der angerückten Presse gar nicht feiern lassen, sondern geht wie gewohnt zur Schule – und nimmt sich seinen Gabara (respektive Gavara) vor. Mit anderen Worten: Er verprügelt ihn und alles ist gut ...
Nun, die moralische und erzieherische Botschaft, mit der sich Godzilla: Attack All Monsters verabschiedet (Konflikte löst man idealerweise mit Gewalt), ist fürwahr bedenklich. Wer weiß, für wie viel vergossenes Blut dieser Streifen seit seinem Erscheinen vor über fünfzig Jahren verantwortlich ist ... Uns bleibt nun nur noch, kommende Generationen vor ihm zu warnen. Ja, das sollte man auf jeden Fall tun, aber nicht vordergründig wegen der von ihm ausgehenden Gewaltverherrlichung (da sollte die Lage beherrschbar sein), sondern ganz schlicht und ergreifend, weil Godzilla: Attack All Monsters ein mieser Film ist – zumindest aus der Sicht eines durchschnittlichen, also nicht von der Liebe zum Trash verwirrten Rezipienten. Grundsätzlich kann man dem Skript, das wieder von Shin‘ichi Sekizawa stammt, einen guten Ansatz bescheinigen – ein vereinsamter und gemobbter Junge, der sich in ein besseres Leben träumt, das könnte funktionieren, wenn man sich Mühe gibt und die Sache seriös angeht. Es funktioniert aber nicht und wirkt sogar zerstörerisch, wenn man es auf infantilste Weise in einem Monsterfilm unterbringt – beziehungsweise in einem Film, der zumindest auf dem Papier und angesichts der Tradition, in der er steht, ein Monsterfilm sein sollte. Angesichts des Kaspertheaters, das Sekizawa und Ishirô Honda hier veranstalten, ist Godzilla: Attack All Monsters aber selbstredend kein ordentlicher Kaijū Eiga mehr, auch wenn sich Godzilla beispielsweise ein Weilchen mit einem Riesenhummer kloppt oder der Tradition gemäß sinnlos tief fliegende Düsenjets aus der Luft grabscht. Damit wird letztlich jedoch nur fortgesetzt und vollendet, was sich mit Frankensteins Ungeheuer jagen Godzillas Sohn bereits angekündigt hatte (auch wenn es zwischenzeitlich den vergleichsweise normalen Frankenstein und die Monster aus dem All gab): Die Orientierung an einer neuen Zielgruppe. Aus wirtschaftlichen Gründen (und mit neidischem Blick auf Gamera, die erfolgreiche Riesenschildkröte des Konkurrenzhauses Daiei) wollte die Tōhō nun auch ein jüngeres Publikum sehr direkt ansprechen. Mit Godzilla: Attack All Monsters hat man den Bogen allerdings eindeutig überspannt – der Streifen ist so doof, dass schon Zwölfjährige ihre Intelligenz von ihm infrage gestellt sehen sollten, und für das traditionelle Kaijū-Eiga-Publikum stellt er schlichtweg einen Tritt in den Hintern dar. Allein der sprechende (!) oder sich vergrößernde (!) Minilla ... aber auf Details soll hier gar nicht eingegangen werden. Erstaunlich ist an alledem jedoch, dass ausgerechnet Altmeister Ishirô Honda (wenn auch mit Shin‘ichi Sekizawa als Komplizen) die Verantwortung für dieses intellektuelle Debakel trägt – er war bis dato immer derjenige gewesen, der sich am meisten gegen die Infantilisierung „seiner“ Filmreihe zur Wehr gesetzt hatte. Vielleicht gab es ja einen guten Grund, der Tōhō einen Streich zu spielen ... Ernsthafte Folgen hatte es nicht: Honda, der im gleichen Jahr bereits U 4000 – Panik unter dem Ozean gedreht hatte, setzte 1970 den Kaijū-Eiga-Semiklassiker Monster des Grauens greifen an in Szene und durfte 1975 mit Die Brut des Teufels die Shōwa-Ära des Großen Grünen abschließen.
Nun ist es natürlich jammerschade, dass sich Godzilla: Attack All Monsters so brüsk von den Erwachsenen abwendet, aber gut – dann sollen eben ein paar Kinder an dieser Arbeit Gefallen finden. Nachgerade unverzeihlich ist jedoch, dass Sparsamkeitsdrang und Unlust hier zum massiven und ehrlich gesagt auch rotzfrechen Einsatz von Stock Footage aus Vorgängerfilmen geführt haben – namentlich aus Frankenstein und die Ungeheuer aus dem Meer (die Ebirah-Kämpfe und der Angriff der Düsenjets) und Frankensteins Ungeheuer jagen Godzillas Sohn (die Szenen mit den Gottesanbeterinnen, eine Sequenz mit Spiega und einige der berüchtigten Vater-Sohn-Albereien – Stichwort Rauchkringel). Und selbst damit kommt dieser Streifen nicht einmal auf siebzig Minuten Laufzeit. An eigenen Monsterszenen bringt er nur zwei bessere Schubsereien zwischen Minilla und Gabara und dessen kurze Auseinandersetzung mit Godzilla mit. Die Dialogszenen mit Minilla und Ichirô fallen derweil in eine andere Kategorie – eine, die man gar nicht benennen möchte. Zu allem Übel sind die „geborgten“ Szenen auch noch mehrheitlich ohne jeden Zusammenhang eingefügt worden – da steht Godzilla von einem Moment zum anderen urplötzlich im Meer herum, um sich mit einem Hummer zu prügeln, oder es gibt unvermittelt den komplett sinnfreien Angriff einer Düsenjäger-Staffel, der dann wie angedeutet auch noch auf idiotische Weise plausibilisiert werden soll. Ferner verrät ohnehin die Optik, dass da etwas faul ist – womit wir eigentlich auch schon, ähm ... bei der Optik sind.
Und die ist unter dem Strich ziemlich grottig. Godzilla: Attack All Monsters kommt zwar im gewohnt feinen Tohoscope-Format daher, aber die Bilder, die der Streifen mitbringt, sind zum überwiegenden Teil erschreckend trostlos, sowohl mit Blick auf ihre schwachen Kontraste und extrem ausgewaschen wirkende Farben als auch auf die deprimierenden Schauplätze in einem Industrieviertel am Ende der Welt, in der die verfallene Fabrik nur das Tüpfelchen auf dem i ist (gedreht wurde in Kawasaki, Präfektur Kanagawa). Hier mischt sich nur selten einmal ein düsterer Braunton ins allmächtige Grau. Natürlich hat das auf der anderen Seite auch einen beträchtlichen Reiz und verleiht diesem Film in vielen Momenten etwas sehr Authentisches und nachdenklich Stimmendes – was im krassen Widerspruch zu dem Käse steht, der uns hier von sprechenden und blitzwachsenden Monsterkindern mit Teletubbie-Aura erzählt wird. Es gibt sogar eine kurze Totale, die mit ihrer unfassbaren Ansammlung von Grautönen regelrecht für die Ewigkeit ist. Schädlich für den visuellen Gesamteindruck ist wie schon angesprochen auch der ständige Stock-Footage-Einsatz, der zu teilweise irritierend deutlichen Qualitätsverlusten führt – das eingesetzte Fremdmaterial ist ganz gewiss keins, das von Anolis liebevoll restauriert wurde. Gerade die Ebirah-Kämpfe sehen aus wie mit einem dicken Grauschleier überzogen. Ja, da ist es schon wieder, dieses Grau. Richtig bunt wird es indes, wenn Ichirô auf der Monsterinsel unterwegs ist – wobei: Auch hier gibt es ein paar öde aussehende Orte. Darüber hinaus wird die Farbenpracht davon gestört, dass man den entsprechenden Szenen ihre Studioherkunft über Kilometer hinweg ansieht. Irgendetwas, das kaputt gehen könnte, enthalten diese Sets übrigens nicht – was die ohnehin schon kaum vorhandene und lausige Gabara-Action noch lausiger ausfallen lässt. Gabara selbst ist wie schon angesprochen ein lächerliches grünes Monster, dem man nicht einmal seine wahre Größe ansieht – die Überraschung ist beträchtlich, als er am Ende fast so groß wie Godzilla ist (die Größenverhältnisse stimmen hier freilich generell mal wieder von vorn bis hinten nicht – wenn man einige Einstellungen miteinander vergleicht, müsste Ichirô locker zwanzig Meter groß sein ...). Immerhin sind die seltsamen kichernden Laute, die Gabara von sich gibt, mal etwas Neues im Kaijū-Universum. Minilla sieht dank seines unveränderten Kostüms genauso erbärmlich aus wie gewohnt, während Godzilla durch die Fremdszenen gleich mehrere „Aussehen“ hat und sowohl den Daisenso-Anzug (Frankenstein und die Ungeheuer aus dem Meer) als auch den Mosuko-Anzug (Frankensteins Ungeheuer jagen Godzillas Sohn) und den Soshingeki-Anzug (aktuell) trägt. In irgendeiner Weise bedrohlich sieht davon keiner aus. Die reinen Stock-Footage-Gäste, also Ebirah, die Kamakiras und Spiega sind schließlich so, wie man sie aus „ihren“ Filmen kennt – mit allen Vorzügen und Mängeln, wobei Erstere erfreulicherweise überwiegen. Wirklich schrecklich, um noch einen letzten Blick auf die Effekte zu werfen, sind indes die mit Negativen, grausigen Farben und einem ovalen Bildfenster illustrierten „Reisen“, die Ichirô in die Monsterinsel-Traumwelt führen, und absolut unterirdisch wurde sein Fall in das erwähnte Loch umgesetzt. Dafür sollte sich die Tōhō noch heute schämen – Kinderfilm hin, Kinderfilm her. So etwas kann man nicht einmal Kindern zumuten. Darstellerisch, von nun an soll über Menschen geredet werden, steht leider Gottes der kleine Tomonori Yazaki als Ichirô klar im Zentrum des Geschehens. Tomonori macht seine Sache allerdings sehr ordentlich und profitiert auch von einer Rolle, die relativ unaufdringlich und ohne neunmalkluges Verhalten angelegt wurde. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich lieber einen anderen an seiner Stelle gesehen hätte, aber darüber nachzudenken, ist jetzt müßig. Wobei: Eigentlich ist man mit Tomonori Yazaki und seinem Ichirô gut bedient – welche verheerenden Schäden Kinder am Nervenkostüm volljähriger Kaijū-Eiga-Freunde anrichten und hinterlassen können, hat zur gleichen Zeit, also in den späten Sechzigern und beginnenden Siebzigern, die Konkurrenzfirma Daiei mit ihren Gamera-Filmen vorgemacht. Zurück zu Godzilla: Attack All Monsters: Ausnehmend sympathisch ist der lange und dürre Hideyo Amamoto als „Onkel“ Shinpei Inami, während sich Sachio Sakai und Kazuo Suzuki als trottelige und eher für etwas Humor als für Spannung zuständige Bankräuber moderat zum Kasper machen müssen und Kenji Sahara als Ichirôs Vater und Lokführer ganze zwei Szenen hat – eine zu Beginn und eine am Ende. Das ist ziemlich wenig für einen erfahrenen Kaijū-Eiga-Mimen: In King Kong vs. Godzilla hatte Sahara den Erfinder Fujita gespielt, in Frankensteins Ungeheuer jagen Godzillas Sohn den Wissenschaftler Morio und in Godzilla und die Urweltraupen den fiesen Antagonisten Jiro Torahata. Vergessen wir aber auch hier nicht die Männer in den Monsteranzügen: Godzilla wird zuverlässig von Haruo Nakajima verkörpert, Minilla wie immer von „Little Man“ Machan und für Gabara war mit Yû Sekita ein weiterer geübter Mann verantwortlich, der auch schon Angilas und den Gorosaurus in Frankenstein und die Monster aus dem All spielen durfte und hier sogar in einer weiteren Rolle zu sehen ist, nämlich als Hummer Ebirah in den Fremdszenen aus Frankenstein und die Ungeheuer aus dem Meer. Der Score von Kunio Miyauchi (Akira Ifukube stand für diesen Plunder also nicht zur Verfügung) versucht’s mit fröhlicher und „swingender“ Sixties-Big-Band-Musik – das ist nicht schön, passt aber ganz gut. Dass der gebrüllte Aggro-Titelsong schlichtweg widerwärtig ist, kann man indes gar nicht oft genug erwähnen.
Gesagt werden muss abschließend leider auch, dass Godzilla: Attack All Monsters ein infantiler Kinderfilm ist, der sich mehr schlecht als recht mit ein paar dreist recycelten und im Kontext seiner Handlung sinnfreien Godzilla-Kloppereien als Monsterfilm tarnt. Wenn man sie ausklammert, kommt der Streifen nicht einmal auf eine lausige Stunde Eigenleistung – und muss sich daher nicht nur das Operieren auf Kindergartenniveau, sondern auch Lieblosigkeit vorwerfen lassen. Und das ist ein schwerer Vorwurf für einen Kaijū Eiga, denn obgleich man das alte japanische Monster-Kino nur allzu gern unter der Rubrik Trash ablegt, so ist es doch in der Regel das Ergebnis aufwendiger und unbedingt anerkennenswerter Arbeit. Davon ist hier wenig zu sehen: Ein paar lächerliche „Monster“-Szenen in ausnehmend billig wirkenden Studiokulissen und ein ausgedehnter Aufenthalt des Filmteams im Abriss – das war’s im Großen und Ganzen, und das ist nicht genug, um die Würde des Genres im Allgemeinen und der Godzilla-Reihe im Besonderen zu wahren. Doch nun genug gemeckert – ich persönlich hatte sehr wohl erneut meine Freude mit Godzilla: Attack All Monsters (obgleich mir übrigens erstaunlich wenig bekannt vorkam): Zunächst haben mich die in all ihrer Tristesse sehr wahrhaftigen Bilder der Peripherie von Kawasaki, Kanagawa tief beeindruckt, und darüber hinaus konnte ich mich als Freund des unfreiwilligen Humors natürlich sowohl erneut über den idiotischen Minilla als auch über Gabara herzlich beömmeln. Gut so, denn spätestens im Fall von Minilla bewegt man sich ja immer scharf an der Grenze zu jenem Gebiet, in dem der Spaß endgültig aufhört. Ich habe also ein fürwahr nicht ganz alltägliches Werk der Filmkunst gesehen – der zehnte Godzilla-Film ist so grotesk schlecht, dass er schon wieder, ähm ... grotesk schlecht ist. Seitens der Tōhō hatte man nun allerhand gutzumachen.
Ganz vorsichtige 7 von 10 Punkten aus subjektiver Sicht, ansonsten unter Freunden knappe 4 von 10.
(02/24)