Als sich am 13. August 1961 in München der Interzonenzug nach Berlin-Ost in Bewegung setzt, ahnen die Reisenden noch nichts von den schicksalhaften Vorgängen in Berlin, die dieses Datum seitdem unauslöschlich nicht nur in deutsche Geschichtsbücher eingebrannt haben: an jenem Tag nämlich ließ die DDR-Führung unter Walter Ulbricht trotz vorheriger gegenteiliger Beteuerungen unter stark bewaffneter Militärpräsenz eine Mauer quer durch Berlin bauen.
Die Passagiere, zumeist DDR-Bürger auf der Rückreise nach Westbesuchen, erfahren davon eher zufällig durch mitgeführte Radios, als der Zug bereits Nürnberg erreicht hat. Bis zum oberfränkischen Grenzbahnhof Ludwigsstadt, dem letzten Halt auf westdeutschem Territorium, sind es noch 3 1/2 Stunden, die die Reisenden Zeit haben, ihre Reise bzw. Rückkehr in die DDR zu überdenken und gegebenenfalls vorher auszusteigen. Wie beurteilen sie diese Nachricht, was geht in ihren Köpfen vor, wie werden sich die teilweise ost- und west-deutsch gemischten Paare entscheiden?
Die ARD-Produktion 3 1/2 Stunden wählt hierfür exemplarisch einige Fahrgäste aus (ein älteres Ehepaar, ein jüngeres mit 2 Kindern, eine 4-köpfige junge Musikgruppe, ein Paar mit Kind auf Hochzeitsreise, eine Sporttrainerin samt Novizin und einen Kommissar), deren jeweilige Motive für die Zugfahrt kurz angerissen werden und die sich schließlich zwischen im Westen aussteigen oder nach Osten weiterfahren entscheiden müssen. Parallel dazu lernt man noch eine thüringische Lokführerin kennen, die den Zug turnusgemäß an der Grenze übernehmen soll und an jenem Tag als besonders vorbildliche Mitarbeiterin Gegenstand einer Fotoreportage für die Parteizeitung ist.
Die unter Zeitdruck zu treffende Entscheidung machen sich die ausgewählten Proponenten durchaus nicht leicht und liefern im Laufe der Fahrt diverse Erklärungen, wie sie den Mauerbau beurteilen und warum sie sich so oder so entscheiden, wobei manche auch noch unschlüssig sind und andere ihre anfängliche Entscheidung auch noch einmal revidieren.
Am deutlichsten werden die unterschiedlichen Erwartungen anhand der 4-köpfigen Familie Kügler, bei der Ehefrau Marlis als Tochter eines Grenztruppen-Offiziers (Uwe Kockisch) aus ideologischen Gründen in die DDR zurückkehren möchte, während Ehemann Gerd als Flugzeugingenieur in der agrar-orientierten DDR-Planwirtschaft keine Zukunft mehr hat und liebend gerne ein Jobangebot aus München wahrnehmen möchte - natürlich mit der ganzen Familie. Der etwa 14-jährige Sohn tendiert zur Mutter, während seine etwas jüngere Schwester, eine talentierte Schülerin mit großem Interesse an Flugzeugen, von der Möglichkeit einer familiären Trennung schockiert ist und sich nur wünscht, daß alle zusammenbleiben.
Auch die Schicksale der anderen Reisenden sind für ein historisch interessiertes Publikum einigermaßen interessant gestaltet: eine ältere Frau, die ihren Sohn, der sich 2 Jahre zuvor aus der DDR abgesetzt hatte, nicht mehr besuchen kann, eine alleinerziehende Mutter (eine der wenigen westlichen Reisenden) mit einem afroamerikanischen Kind, die einen kürzlich kennengelernten Herrn heiraten will oder auch der Münchner Kommissar (Martin Feifel), der vergeblich an das Gewissen der Sporttrainerin (Jördis Triebel) appelliert, die im Zug geschmuggelten Ampullen für das in der DDR staatlich geförderte Doping doch bitte nicht für ihre ohnehin schon körperlich zurückgebliebene Elevin zu verwenden - all diese ausgewählten Gespräche bilden Momentaufnahmen von Gedanken Reisender, deren Zukunft durch den Mauerbau mehr oder weniger beeinträchtigt wird. Eher weniger überzeugend geraten ist dagegen die Story um die Musikgruppe, dessen schwules Pärchen historisch eher fragwürdig erscheint - auf das schauderhafte Geträller von deren Sängerin (Alli Neumann, Wir können nicht anders) hätte ich ohnehin liebend gerne verzichtet.
Mit dem Abstand von 60 bzw. jetzt 62 Jahren nach dem Mauerbau tut man sich aus heutiger Sicht natürlich leicht, die damalige Lage zu beurteilen: die Berliner Mauer, deren Bau noch kurz zuvor von der sowjetischen Marionette Walter Ulbricht ("Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen") geleugnet wurde, riss tausende Familien, Freunde und Bekannte auseinander und zementierte endgültig den Status der DDR als Unrechtsstaat stalinistischer Prägung, der seine eigenen Bürger einsperrt. Den Schießbefehl auf Flüchtende, Sippenhaft bei (auch nur versuchter) Republikflucht und dergleichen konnte man damals jedoch noch nicht voraussehen, dennoch fehlt in den gezeigten Statements ein ganz einschneidendes Erlebnis 8 Jahre zuvor, an das sich erstaunlicherweise keiner der Protagonisten zu erinnern scheint: der geschichtsträchtige Aufstand vom 17. Juni 1953 mit 100.000en Teilnehmern aus allen sozialen Schichten und Altersgruppen der DDR, welcher seinerzeit von Sowjettruppen und regimetreuer Polizei brutal niedergeschlagen wurde. Dieses, mit einigen dutzend Toten und tausenden Verhafteten blutig beendete Ereignis, spiegelt sich in keiner im Film erwähnten Lagebeurteilung wieder - dabei war der Bau der Berliner Mauer nur die logische Konsequenz jener grundsätzlich menschenfeindlichen stalinistischen Poltik.
Vielleicht liegt das Auslassen des 17. Juni 1953 aber auch an der zeitlichen Vorgabe, die Reaktionen auf den (übrigens nicht gezeigten und nur als Ereignis stattfindenden) Mauerbau in TV-üblichen 90 Minuten unterzubringen und dabei ein möglichst großes und repräsentatives Spektrum an Meinungen und Ansichten abzudecken. So bleibt die ARD-Produktion 3 1/2 Stunden alles in allem der Versuch einer Rekonstruktion, was Betroffene der damaligen Ereignisse zu ihrer Entscheidung veranlaßte, der alles in allem (einige dem heutigen Zeitgeist geschuldete Kleinigkeiten mal ausgenommen) als halbwegs ausgewogen bezeichnet werden kann. 6 Punkte.