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Staffel 1

Guillaume Lucchesi (Finnegan Oldfield) fühlt sich wohl in seinem Job: Seit 8 Jahren ist der Endzwanziger Sozialarbeiter im "blauen Haus" in Nizza und betreut dort zusammen mit seinem Chef Da Costa (Guillaume Gouix) und einigen Kollegen straffällig gewordene Jugendliche afrikanischer Herkunft. Seit er vor 2 Jahren die damals neue Kollegin Judith (Nailia Harzoune) kennengelernt hatte, sind die beiden ein Paar. Gerade ist Guillaumes Mama gestorben und nun muß er sich wohl oder übel auch noch ein wenig um seinen verwitweten Vater kümmern, wozu er eigentlich wenig Lust hat, denn der schon etwas wunderliche alte Mann hatte ihm zeitlebens stets seinen älteren Bruder Fred (Nicolas Duvauchelle) vorgezogen.
Kurz nach der Beerdigung verschwindet Judith spurlos, ohne Grund und ohne Ankündigung. Nicht einmal ein Abschiedsbrief findet sich, und so sucht Guillaume auf eigene Faust nach seiner Freundin, der er kürzlich sogar einen Heiratsantrag gemacht hatte. Dabei stellt er fest, daß er so gar nichts über das Vorleben Judiths weiß und alles was er über sie herausbekommt ein höchst seltsames Bild ergibt - angeblich war sie früher Prostituierte und ein Kind soll sie auch schon haben...
Im Zuge seiner Nachforschungen bleibt nicht aus, daß sich Guillaume dann auch mit seiner eigenen, nie vollkommen aufgearbeiteten schicksalhaften Vergangenheit auseinandersetzen muß: als Teenager hatte er ein einschneidendes Erlebnis, als er in einer einzigen Nacht nicht nur seine Jugendliebe Sonia (Garance Marillier) verlor, sondern auch seinen Bruder Fred. Während erstere im Pool ertränkt wurde, stürzte Fred mit einigen Kugeln im Leib von einer Klippe ins Meer - sein Leichnam wurde jedoch nie gefunden. Doch was haben diese 10 Jahre zurückliegenden Ereignisse mit dem Verschwinden von Judith zu tun?

Eine weitere Netflix-Verfilmung eines Harlan Coben-Romans stellt die französische Produktion Disparu à jamais dar - diesmal ist die mondäne Stadt an der Mittelmeerküste Schauplatz eines düsteren Familiendramas, in der der Hauptdarsteller langsam aber sicher entdeckt, daß nichts so ist, wie es scheint.
Wie bei den Thrillern des amerikanischen Autors üblich zieht eine Spur gleich ein halbes Dutzend Subplots nach sich, von denen einige die Geschichte tatsächlich weiterbringen, die meisten jedoch als lose Fäden enden. Kein Lebenszeichen (so der deutsche Titel) ist dabei programmatisch in 5 Kapitel mit Vornamen unterteilt, in denen die Vergangenheit des jeweiligen Protagonisten näher beleuchtet wird. Die Regie macht dabei exzessiv von Rückblenden Gebrauch und springt alle paar Minuten von der 2020 veranschlagten Gegenwart ins Jahr 2010, 2005 usw. zurück, was dem Zuschauer einiges an angestrengter Aufmerksamkeit abfordert.

Hauptproblem dabei ist jedoch nicht die (teilweise übertrieben) krasse Vorgeschichte der einzelnen Filmcharaktäre, sondern in erster Linie Hauptdarsteller Finnegan Oldfield, dessen arg beschränkte Mimik und teilweise erstaunlich emotionslose Reaktion auf diverse Enthüllungen die Geschichte an manchen Stellen schlicht ausbremsen. Davon abgesehen ist der unscheinbare Oldfield alles andere als ein Womanizer und für die Filmrolle als Freund zweier hübscher Damen schlicht der falsche Darsteller. Garance Marillier (Doppelrolle als Jugendfreundin und später deren ältere Schwester) und Nicolas Duvauchelle (Verirrte Kugel Teil 1 und Teil 2) machen ihre Sache dagegen routiniert und überzeugend, freilich ohne zu glänzen, was auch für die meisten anderen Darsteller gilt.

Während der Subplot einer Biographie als ehemaliger Neonazi effekthascherisch erscheint und die Handlung nicht wirklich weiterbringt (auf die in diesem Zusammenhang dargestellte Gewaltszene, in der einer Schwangeren in den Bauch getreten wird, hätte ich übrigens gerne verzichtet) wäre die Charakterentwicklung beispielweise des glatzköpfigen Ostertag (Tómas Lemarquis) vom Mobbingopfer zum geheimnisvollen Auftragskiller durchaus vielversprechend gewesen, der Kapuzenmann bleibt jeoch auf eine Nebenrolle beschränkt.

Am Ende führen die meisten Erzählstränge dann zu einem erwartbaren Showdown, der zwar die meisten Fragen des wild hin- und herspringenden Plots beantwortet, am Weg dorthin jedoch auch einige Logiklöcher zu überwinden hat, die einem anhand der Vielzahl der überraschenden Wendungen aber nicht unbedingt störend auffallen. Somit bleibt Disparu à jamais dann schlußendlich eben nur ein weiterer Thriller aus der Netflix-Reihe verfilmter Harlan Coben-Romane (der 4. von derzeit 7 aus insgesamt geplanten 14, um genau zu sein), ohne große Höhepunkte, aber auch ohne Absturz. 5 Punkte.

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