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Eigentlich wurde sie nur durch einen Zufall in ein größeren Fall miteinbezogen, die junge Polizistin Manuela „Pipa“ Pelari (Luisana Lopilato), als sich nämlich eine Kollegin von ihr bei der Jagd auf einen Kindesentführer im Wald in einer von diesem aufgestellten Bärenfalle verletzte. Doch Inspektor Francisco Juanez (Joaquín Furriel) von der Mordkommission Buenos Aires, der diesen Fall durch hohen persönlichen Einsatz löste, war von ihr so angetan, daß er die schlanke Blondine mit in sein Team aufnahm.
Dort gibt es jetzt gleich 2 neue Fälle zu bearbeiten: die 19-Jährige Gloriana Márquez, Tochter eines schwerreichen Wirtschaftskapitäns, wurde erstochen in ihrer Wohnung aufgefunden und gleichzeitig wurde Patricio Galván, ein junger Radfahrer, nachts angefahren und tödlich verletzt, der unbekannte Lenker beging Fahrerflucht. Beide Fälle scheinen nichts miteinander zu tun zu haben, und das einzige verbindende Element ist erstaunlicherweise Inspektor Juanez: der muß einerseits den Mord an der jungen Frau mit prominentem Hintergrund aufklären und kannte andererseits den Radfahrer. Wobei kennen schon zuviel ausgedrückt ist: genaugenommen hatte der junge Mann vor einigen Jahren Juanez´ Frau bei einem Raubüberfall erschossen, saß deswegen hinter Gittern und war kürzlich entlassen worden. Jetzt ist er tot und der Polizeidirektor traut seinem einerseits sehr respektierten, andererseits auch entschlossen und eigenwillig auftretenden Inspektor durchaus zu, daß dieser heimlich Selbstjustiz verübt haben könnte, denn Juanez ist seit dem Tod seiner Frau nicht mehr derselbe, wie er selbst anmerkt.
Für die diskreten Ermittlungen gegen den Vorgesetzten und Kollegen wird nun Pipa ausgewählt, die diesen Auftrag gerne übernimmt: sie ist von dessen Unschuld überzeugt und möchte gerne beweisen, daß Juanez, der einige Zeit so etwas wie ihr Mentor war, nichts mit dem Tod des Radfahrers zu tun hat. Auf diese ihre titelgebende Intuition verläßt sie sich auch bei dem anderen Fall: denn die beste Freundin des Opfers, Minerva del Valle (Maite Lanata), gesteht ganz nebenbei den Mord an ihrer etwa gleichaltrigen Freundin. Ein Motiv kann und will sie jedoch nicht nennen. Pipa glaubt ihr nicht. Und tatsächlich lassen kleinere Details, die sie bald darauf herausfindet, ihr Mißtrauen begründet erscheinen...

La Corazonada ist der zweite Spielfilm um die junge argentinische Polizistin Manuela Pelari, genannt „Pipa“ , den Regisseur  Alejandro Montiel - anders als seinen Erstling Verloren (2018) - allerdings als Prequel verstanden wissen will. Auch dieses Mal basiert die Geschichte auf einer Romanvorlage der Autorin Florencia Etcheves, und auch dieses Mal steht die Kombinationsgabe von Pipa, die sich von niemandem etwas vormachen läßt, im Vordergrund. Doch die Hauptrolle muß sich die keine Emotionen zeigende, nüchtern schlußfolgernde Blondine diesmal mit Joaquín Furriel (El Hijo - Der Sohn) teilen - der bisweilen arrogant, auch gegen sich selbst hart, jedoch sehr kompetent auftretende Ermittler, der selbst zum Ermittlungsfall wird, stiehlt ihr fast die Show.

Während die einzelnen Subplots zunächst etwas verwirrend erscheinen mögen (die tote 19-Jährige erweist sich als unsympathisch-launische Diva, die ihrer Umfeld schlecht behandelt, die Mutter des toten Radfahrers stachelt ihren anderen Sohn an, seinen Bruder zu rächen, ein Polizeidirektor wird mit kompromittierenden Fotos erpresst etc.) führt die Handlung dann am Ende alle Fäden zusammen. Insofern ein Musterkrimi, zumal auch die Frage nach der Unschuld des Inspektors am Tod des Radfahrers für den Zuschauer bis kurz vor Schluß offen bleibt.

Obgleich kaum eine Szene des fast 2-stündigen Films ins Nichts führt und viele Details sorgfältig ausgewählt scheinen, ist das Timing von La Corazonada an manchen Stellen eher suboptimal und an manchen Stellen von wenig überzeugenden Zufällen bestimmt: während es noch vertretbar erscheint, daß Juanez - assistiert durch Pipa - dem Gerichtsmediziner erläutert, welche Merkmale dieser an der Leiche übersehen hat, ist es dann schon eher seltsam, daß die Spurensicherung am Tatort ein defektes Fensterschloß übersieht, durch das der Mörder hereinkam, sowie wenige Meter davon entfernt blutige Fingerabdrücke und die bisher nicht gefundene Tatwaffe. Auch die Erpressungsgeschichte mit den Fotos kommt aus heiterem Himmel daher und ist mit einem nachfolgendem kurzen Shoot-out (mit nur einem Scharfschützen - übrigens der einzigen Actionszene des ganzen Films) inhaltlich nur unzureichend begründet. Während die beim Kommissar intervenierende Mutter einer Mordverdächtigen mit ihrer tiefen Stimme und einem ganz besonderen Geschenk immerhin ungewöhnlich genug dargestellt wird, kommt der Gemütszustand zweier mordverdächtiger junger Leute deutlich zu kurz. Auch die ausbleibende Reaktion von Pipa, die ganz zum Schluß, als der Fall bereits abgeschlossen ist, noch einmal ihrem 6. Sinn folgt, hinterläßt ein wenig Stirnrunzeln. Eine wünschenswerte, noch detailliertere Ausarbeitung mancher Gegebenheiten hätte den Film jedoch auf mindestens zweieinhalb Stunden verlängert, was den meisten Zuschauern dann aber vermutlich zu lang vorgekommen wäre.

Fazit: insgesamt ist La Corazonada wieder ein spannender argentinischer Krimi mit allen dafür notwendigen Zutaten inklusive tadellosen Produktionswerten geworden, der dem Filmcharakter der Pipa allerdings keine neuen Erkenntnisse hinzufügt. 7 Punkte.


Die Pipa-Trilogie in der Übersicht:

Verloren
(2018) 8 Punkte
Intuition (2020) 7 Punkte
Pipa
(2022) 6 Punkte

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