Immer auf Achse, immer unter Druck - so sieht derzeit das Leben des Berliner MMA-Kämpfers Octavio Bergmann (Emilio Sakraya) aus. Bislang hat er es immer geschafft, alles unter einen Hut zu bringen, doch heute, ausgerechnet heute!, am Geburtstag seiner Tochter Leonie, muß er am frühen Abend bei einem Kampf antreten, was unweigerlich eine Terminkollision bedeutet. Geplant hatte er zumindest einen Besuch bei der Kleinen, die bei ihrer längst vom Vater getrennt lebenden Mutter aufwächst, auch eine Geburtstagstorte hatte er bereits vorbestellt und das sehnlichst von Leonie gewünschte Geschenk, eine kleine Katze namens Zwiebel aus dem Tierheim wollte er auch mitbringen, doch den Fight kann er nicht absagen.
Denn der MMA-Kampf gegen den Afro-Berliner Benko ist unendlich wichtig für seinen Freund und Manager Paul (Dennis Mojen), wie ihm dieser am Weg zur Arena klarmacht: er hat eine Menge Geld auf Octavio gesetzt, und nicht nur er, sondern auch ein paar schmierige Arschgesichter aus der Unterwelt. Der blonde Athlet hat keine Wahl: er muß antreten. Kurz vor dem Kampf hatte er gerade noch mittels Ohrstöpseln mit seiner Tochter telefoniert und sie auf später zu vertrösten versucht, bindet er sich nun die Handschuhe, als die Ex-Frau Mina ihm einen fetten Strich durch die Rechnung macht: Wenn er in einer Stunde, um 18.00 Uhr, nicht zum Geburtstag seiner Tochter erscheine, beantrage sie das alleinige Sorgerecht - die Dokumente lägen schon bereit.
Octavio blickt noch einmal auf seine Uhr, die mit Handy und Ohrstöpseln synchron läuft: 60 Minuten ab jetzt. Das will er schaffen, das muß er schaffen, während er seine Handschuhe losbindet und verfolgt von erstaunten Ausrufen aus der Arena läuft. Er muß durch halb Berlin in den Süden der Stadt und ist zu Fuß unterwegs. Auch ein Taxi bedeutet zur Rush-Hour kein beschleunigtes Fortkommen, doch das größte Hindernis sind seine Verfolger, die ihn unbedingt einholen und zurückbringen wollen - schließlich steht für sie eine Menge Geld auf dem Spiel...
Mit seinem Berliner Milieu-Krimi 60 Minuten liefert Regisseur Oliver Kienle (Die Vierhändige, Drehbuch-Co-Autor Bad Banks) erneut einen durchaus kurzweilig mitzuverfolgenden Thriller ab, der nach einer kurzen Einführung der Protagonisten fast in Echtzeit abläuft: wird der nach außen hin cool wirkende, innerlich aber kochende Octavio schaffen, was zeitlich eigentlich unmöglich erscheint?
Mit dem Trick der immer wieder zwischendurch in grellorangen Ziffern aufleuchtenden Restzeit, die der Hauptdarsteller übrigens durchaus ambivalent nutzt, kann bezüglich der Spannung eigentlich kein Zweifel daran bestehen, daß der wacker kämpfende Octa es schon irgendwie schaffen wird - dennoch kommt dank einiger furioser Einfälle (wie beispielsweise dem Wegrammen eines Polizeifahrzeugs von der Straße oder dem urplötzlichen Erscheinen serbischer Mafiosi mit Benzinkanister etc.) keine Langeweile auf.
Dazwischen darf sich Emilio Sakraya immer wieder mal in diversen durchaus glaubhaft choreographierten Prügelszenen beweisen - manchmal nutzt er dazu, ähnlich wie einen Telefon-Joker, seine Sparringspartnerin Cosima (Marie Mouroum), doch nicht alle Bekannten, die er in diesen bedeutungsvollen 60 Minuten trifft, wollen ihm wirklich helfen...
Zugute kommt dem Streifen, daß er sich trotz Kloppereien und Schußwaffengebrauch nicht immer wirklich ernst nimmt und somit auch eine kleine Distanz zum Geschehen schafft, das ansonsten temporeich auf den erwarteten Höhepunkt zuläuft. Dabei bleibt leider kaum Zeit, die arg schablonenhaft bleibenden Nebencharaktäre etwas näher zu beleuchten, auch müsste so manche Begebenheit eigentlich einen SEK-Großeinsatz nach sich ziehen (was unterbleibt), doch all dies kann man verschmerzen, nur die stets akkurat sitzenden Ohrstöpsel, die mit Stimme und Antippen permanent bedient werden und bis zum Schluß klaglos funktionieren, sind aufgrund der Prügeleien, Verfolgungsjagden und Stürze etc. schlichtweg unrealistisch.
Fazit: 60 Minuten ist ein unterhaltsamer deutscher MMA-Streifen mit einem furiosen Hauptdarsteller, der keine Längen aufweist, allerdings auch keinen Tiefgang besitzt und weniger durch ein ausgefeiltes Drehbuch als vielmehr durch saubere Actionsequenzen glänzt. 6 Punkte.