Nach dem Ersten Weltkrieg blühte der Surrealismus in Kunst und Literatur auf. Es war die weitgehende Flucht vor der tristen Alltagswelt und der Siegeszug des Traumes. Ein filmischer Vertreter: "Un Chien andalou".
Die Filmidee entstand aus zwei Träumen heraus. Während Louis Buñuel von einer den Mond zerschneidenden Wolke träumte, enthielt der Traum von Koautor Salvador Dalí eine menschliche, von einer Ameisenschar bevölkerte Hand. Bei einer Begegnung erzählten sich beide von ihren Träumen und beschlossen kurzerhand, einen Film zu drehen. Das Drehbuch schrieben sie binnen einer Woche. Darin verarbeiteten sie auch diese zwei Träume. Ihr Ziel war es, der Irrationalität freien Lauf zu gewähren, Bilder rational unerklärbar erscheinen zu lassen und mit diesem Angriff auf die Sehgewohnheiten schließlich das Spießbürgertum zu provozieren. Das Ergebnis zeigt nun in der Tat einen auf rationalen und psychologischen Ebenen kaum zu entschlüsselnden Film. Die Bilder erscheinen wie Fragmente von größeren Szenen. Zusammengewürfelt, ohne einen erkennbaren Sinn zu ergeben, und chronologisch zudem verwirrend komponiert. So macht man nach der Eröffnungssequenz einen Zeitsprung von acht Jahren, während später das Rad der Zeit an anderer Stelle seltsamerweise wieder um sechzehn Jahre zurückgedreht wird.
Darüber hinaus finden sich während der kurzen Spielzeit ein auffallender Kulissenkontrast zwischen Stadt und Natur sowie ein Gefühlskontrast zwischen Erregung und Harmonie; alles begleitet von überwiegend aufwühlenden, galoppierenden Klängen. Einen Gegensatz zum beschleunigt ablaufenden Filmmaterial erzeugt Buñuel durch ein zwischenzeitliches Ablaufen der Bilder in Zeitlupe. Scheinbar widersprüchlich ebenfalls eine bizarre Bildkomposition von einem Stück Tierkadaver auf einem Pianoflügel. Eine abgetrennte Hand, ein gestürzter Fahrradfahrer, eine überfahrene Frau oder ein einer Protagonistin wollüstig an den Busen greifender und dabei obszöne Fantasien entwickelnder Mann stellen für die damalige Zeit weitere Provokationen dar. Und natürlich ist da noch die berüchtigte Eröffnungssequenz, in der eine Rasierklinge eine Auge zerschneidet - gleichzeitig auch ein metaphorischer Schnitt in das Sinnesorgan des Betrachters, ein Schock, eine Verunsicherung.
Filmhistorisch kommt Buñuels Werk eine große Bedeutung zu. Die in dieser Weise so einzigartig auf Zelluloid gebannten Traumfantasien, Visionen und spontanen Eingebungen verleihen dem Film einen zweifelsfrei avantgardistischen Charakter und machten ihn zu einem Wegweiser des cineastischen Surrealismus. Dennoch, obwohl die Idee Dalís und Buñuels Anerkennung gewinnt, so ist es schwer, schlüssige Interpretationen zu finden. In Träumen ist schließlich alles möglich. Das Alter des Filmes ermöglicht außerdem nur bedingt ein intensives Erleben des Betrachters. Zu hektisch rasen die Bilder an einem vorbei. Ruhige, genüsslich sinnliche Minuten sollte man deshalb nicht erwarten.