Einst war Christiane Génessier eine hübsche junge Frau. Doch seit dem Autounfall, den ihr Vater, ein Chirurg, verursacht hat, ist ihr Gesicht grausam entstellt. Professor Génessier fingiert den Tod seiner Tochter und hält sie quasi in seinem schloßähnlichen Haus außerhalb von Paris gefangen. Aus einem Schuldgefühl heraus will er ihr nämlich ganz in Ruhe helfen, indem er ihr ein neues Gesicht „schenkt“. Zu diesem Zweck bändelt Génessiers Assistentin Louise vor der Pariser Uni mit Studentinnen an, die dann verschleppt werden, um als „Spenderinnen“ herzuhalten…
Da ist er: Der Film, der Jess Franco zu seinem „Faceless“ bewegt hat. „Augen ohne Gesicht“ ist ein Klassiker des frühen Splatterfilms, denn Georges Franju arbeitet mit einer Direktheit, die damals schon sehr schockierend war. Völlig kühl und kaltherzig geht der Mad Scientist an seine Arbeit. Unterstützt wird er von der noch abgebrühteren Assistentin Louise, die dem Arzt die Opfer zuträgt. Glanzvoller Horror-Höhepunkt der Handlung ist eine sehr lange Operationsszene, bei der einem jungen weiblichen Opfer die Gesichtshaut entfernt wird– On-Screen, versteht sich! Doch „Augen ohne Gesicht“ ist mehr als nur ein für damalige Zeiten wilder Blut-Film, denn er ist gleichzeitig sehr düstere Poesie. Wenn Christiane mit ihrer wächsernen Maske durch die langen Kellergänge des Hauses ihres Vaters schleicht oder trotz einer anfänglich gelungenen Transplantation unglücklich über ihr neues Gesicht ist, dann fühlt man sich in jene Zeiten zurückversetzt, wo das Schöne in der Welt auch noch das Gute verkörperte. Die hervorragende Schwarzweiß-Fotografie wird geschickt zur Stilbildung eingesetzt. Maurice Jarres jovialer Soundtrack geht ins Ohr und kontrapunktiert den Mangel an Ironie in der Geschichte. Im Kino lief Franjus Meisterwerk unter dem Alternativtitel „Das Schreckenhaus des Dr. Rasanoff“, war gekürzt (82 Min.) und völlig anders synchronisiert (Génessier = Rasanoff). 1982 hat man beim NDR eine neue, bessere deutsche Fassung erarbeitet. Mit Pierre Brasseur, Alida Valli, Juliette Mayniel, Edith Scob u.a.
© Selbstverlag Frank Trebbin