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                                                                              Was ist Pragmatismus?

Die Abwesenheit von Träumerei? Das Schleifen von Luftschlössern? Auf jeden Fall das praktische Handeln vor dem Hintergrund sachlicher Gegebenheiten. Pragmatisches Denken misst den Erfolg eines Konzepts allein an seinem nachweisbaren Ertrag und führt stets zu verpönter Vernachlässigung eines Ideals. Pragmatismus ist glanzlos, grau, unsympathisch. Und hierin erteilt uns der Kanadier Denis Villeneuve eine Lektion. Eine filmische. Eine trostlose.

Die ambitionierte FBI Agentin Kate Macer (Emily Blunt) kämpft nahe der amerikanisch-mexikanischen Grenze einen aussichtlosen Kampf gegen ausländische Drogenkartelle. Doch nach dem grausigen Fund eines Massengrabs und dem Tod zweier Kollegen bietet sich der Polizistin eine Chance. Ihre Vorgesetzten unterbreiten ihr das Angebot, an Geheimoperationen teilzunehmen, die zwar nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind, dafür aber nachhaltige Ergebnisse zeitigen könnten. Im festen Bestreben, wirklich etwas zu erreichen und vom unbedingten Willen beseelt, Fahndungserfolge zu erzielen, akzeptiert sie die Offerte ihres Dienstherrn und wird Teil eines Spezialkommandos. Doch der Einblick in den Krieg, der hinter den Kulissen tobt, zerstreut ihren Enthusiasmus. Berufliches Ethos und persönliche Sozialisierung geraten bald in Konflikt mit der harten Realität, die sich vor ihr auftut. Dabei läuft sie Gefahr, ihren Idealismus für immer zu verlieren.

Neben dem knallhart bebilderten Grauen, das direkt gegenüber vom texanischen El Paso in Chihuahua lauert, in trübe Bilder gegossen und in gefährlich wirkende Stadt- und Felskulissen gesetzt, steht die Agentin Kate Macer im Mittelpunkt der unkonventionellen, überaus spannenden Geschichte. Emily Blunt, die erst vor einem Jahr im gelungenen Science-Fiction Spektakel „Edge of Tomorrow" (2014) die Powerfrau gab, spielt die zunächst hin- und hergerissene und bald völlig vom Glauben abfallende Agentin einfühlsam, authentisch und nachvollziehbar. Wir spüren ihre Last, die mit jedem weiteren Tag bei der zusammengewürfelten Truppe abgebrühter Profis schwerer und schwerer wird. Doch wie bei seinem vorletzten Film „Prisoners" (2013) inszeniert Denis Villeneuve seine Geschichte nicht angenehm und schicklich, sondern bar jeder politischen Obsession. Es ist sein willkürlicher Realismus, der dem Film ein Flair verleiht, das sonst eher die Kriegsthriller Kathryn Bigelows auszeichnet. Dabei holt Villeneuve, im Gegensatz zu Bigelow, jedoch nicht weit aus, vermeidet Umwege und vor allem politische Parteinahme und garantiert dafür zwei Stunden angenehmes Unbehagen.

Die im Film eingefangene Wirklichkeit steckt jedoch nicht nur in seinen wenig malerischen Bildern, in seinen sperrigen Charakteren und in seiner missionarischen Gleichgültigkeit, sondern manifestiert sich auch in seiner Hauptfigur. Kate Macer ist eine starke Frau. Aber sie ist keine Amazone, die, wie in Hollywood gern inszeniert, den Herren der Zunft zeigt, wohin der Hase hoppelt. Das Gegenteil ist der Fall. Zwar ist sie unzweifelhaft die moralische Instanz der Geschichte, doch findet das vorsätzlich nicht seinen Niederschlag im Fortgang der Handlung. Ein weibliches Gewissen als Kompass für die Krieger eines schmutzigen Kampfes würde zwar Pluspunkte beim Feuilleton sammeln, dem Film jedoch seinen radikalen Ansatz vermasseln, ohne Rücksicht auf die Sehgewohnheiten des Publikums eine gnadenlose Vorstellung in Sachen Zweckdienlichkeit zu geben. Wie schon bei „Prisoners" orientiert sich Villeneuve an der wahren Welt und damit an der Umgebung, die sich vor uns von Zeit zu Zeit beim morgendlichen Zeitunglesen auftut. Damit setzt er sich bewusst über die schönfärbenden Konventionen Hollywoods hinweg. Dass „Sicario" dennoch von filmkritischem Lob geradezu überhäuft wird, liegt so auch nicht etwa an eilfertigem Bedienen irgendwelcher Erwartungshaltungen, sondern an seiner spannenden Inszenierung und seinem ganz eigenen Charakter.

Es klingt abgedroschen, aber Denis Villeneuves „Sicario" streift am zukünftigen Nimbus eines makellosen Films. Wäre da nur nicht der eine mexikanische Polizist, der, wie etwa die Figuren in Alejandro Gonzalez Inarritus „Babel" (2006) oder Stephen Gaghans „Syriana" (2005) als beispielhaftes Element des großen Leids insgesamt herhalten muss. Morgens weckt ihn der Sohnemann zum Fußballspielen und abends fährt er Fuhren für das Syndikat. Nicht ohne Grund blickt ihn seine Frau beim Frühstück so an als wäre er schon tot. Diesen für die eigentliche Handlung überflüssigen Charakter hätte sich Villeneuve besser gespart, denn er bremst die kühle Distanz des Films zeitweilig aus und lässt uns im Übrigen als korrupter Komparse völlig kalt. Abgesehen von dieser kleinen Holperigkeit, leistet Denise Villeneuve erneut Außergewöhnliches. Von einem fesselnden Score untermalt und mit einer Reihe intensiv spielender und glaubhaft in Szene gesetzter Darsteller wie Benicio del Toro und Josh Brolin besetzt, stellt sich bis zum Schluss die bewegende Frage, ob Kate letztendlich obsiegt oder resigniert. Die Antwort darauf straft am Ende alle Erwartung Lügen und schert sich gerade damit nicht um die vorhersehbaren Gepflogenheiten im Kinosaal. Ein starker Film.

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