Review

Ein deutscher Hitchcockfilm – ja, das gab es.
„Sir John greift ein“ oder auch „Mary“, wie er in Deutschland hieß, wurde vom Altmeister im Jahre 1930 back-to-back mit dem originalen Murder gedreht, nach dem selben Skript, allerdings mit deutschen Darstellern, so z.B. Anny Ondra, die bereits in "Blackmail" die Hauptrolle inne hatte (allerdings in England synchronisiert aufgrund ihres Akzents).

Hitchcock hat Truffaut gegenüber beklagt, daß der Film nicht funktioniert hätte, weil die deutsche und die britische Gesellschaft nicht nach den gleichen Prinzipien funktionierte und wenn man die leisen Seitenhiebe auf das britische Klassenbewußtsein im Original sieht, dann weiß man, das diese in Deutschland praktisch nur vor dem ersten Weltkrieg hätten funktionieren können.
Ferner führte er an, er hätte kein Ohr für die deutsche Sprache gehabt, allerdings kann man ihn posthum in diesem Punkt beruhigen – so schlecht hört sich „Mary“ nun auch wieder nicht an, die Schauspielführung ist dem Regisseur also geglückt.

Dennoch ist „Mary“ letztendlich ein komisches Subjekt.
Einige Teile ohne die Darsteller verwendete Hitchcock einfach mehrfach und gerade die Gerichtsszenen hatten darunter zu leiden, da es an deutschen Gerichten dann doch etwas anders zuging.
Auch kürzte er die vielen kleinen Details und Extras aus dem Film heraus und beschränkte sich auf die Grundhandlung, was dem eh schon leicht zerfahrenen und unausgewogenen „Murder“ schon nicht zugute gehalte werden konnten.

So wurde „Mary“ um einiges kürzer, aber leider nicht besser. Alfred Abel in der Rolle Herbert Marshalls als Sir John (ein Titel, der ebenfalls in der deutschen Fassung unsinnig ist, genauso wie die Mr/Mrs-Anrede und die britischen Namen) ist ein bißchen zu weich und nicht souverän genug, mehr ein väterlicher Familiendarsteller als ein Bühnenschwergewicht, wie die Rolle es verlangt hätte und das Inspizientenpärchen gerät darüber hinaus ein bißchen zu vulgär. Ansonsten hangelt man sich so durch die Szenen und die wenig überzeugende Decouvrierung des Täters und seine Selbstentlarvung wirken noch weniger, da man die „homosexuelle“ Begründung noch mehr versteckt hat und am Ende per Nebensatz erklärt, er wäre ein Ex-Sträfling gewesen und hätte diese Tatsache vertuschen wollen.

Als filmhistorisches Dokument ganz kurios, sonst aber ein eher schwacher Film, der meistens wie das Stückwerk daherkommt, daß er bei der Produktion wohl auch gewesen ist.
(4/10)

Details
Ähnliche Filme