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„Rain Man goes John Wick" oder der Biedermann als Brandstifter

Unter der Fassade des spießbürgerlichen Biedermannes lauern oft besonders tiefe Abgründe. Und was ist schon biederer als ein schnöder Buchhalter? Regisseur Gavin O´Connor spielt exakt mit diesen Klischees, bedient sie, befeuert sie, nur um sie dann genüßlich auf den Kopf zu stellen bzw. neu zu sortieren. In dem Thriller „The Accountant"  dreht sich vieles um Schein, Doppelbödigkeit und falsche Fährten. Der von Ben Affleck gespielte Titelheld steht dabei an vorderster Front und dient damit gewissermaßen als Chiffre für die verschiedenen Ebenen und Figuren dieses angenehm ungewöhnlichen Films.

In eine der schnell aufgezogenen Schubladen lässt er sich jedenfalls nicht so leicht verfrachten. Zu Beginn wähnt man sich noch wohlig im vom Plakat suggerierten Actionknaller der härteren Gangart. Und tatsächlich lässt der aus einer Ego-Shooter-Perspektive gefilmte Auftakt in dieser Hinsicht keine Wünsche offen. Umso überraschender kommt der krasse Bruch in Bild und Ton. Plötzlich befinden wir uns in einem Heim für schwer erziehbare und verhaltensauffällige Kinder, in dem ein Psychologe in ruhigem Ton die verzweifelten Eltern informiert. Mit dem zweiten Settingwechsel binnen weniger Minuten legt die anfängliche Bleifuß-Inszenierung schließlich eine Vollbremsung hin. In einer fast schon surrealen Szene erklärt ein auffällig distanzierter Buchhalter einem Farmerehepaar geradezu aufreizend langsam ihre Steuererklärung mitsamt Schlupflöchern.  

Natürlich ahnt man schnell, dass das autistische Kind aus der Heimsequenz und der für gängige zwischenmenschliche Feinheiten und Verhaltenskodizes gänzlich unempfängliche Buchhalter irgend etwas miteinander zu tun haben müssen. Die Spannung entsteht auf einer anderen Ebene. In zahlreichen Rückblenden sowie geschickt dazwischen geschalteten Parallelplots legt Gavin O´Connor die verschiedenen Persönlichkeits-Facetten seiner Hauptfigur frei und schürt damit eine fiebrige Erwartung an den Fortgang der Handlung. Denn diese hat es sich längst in Kriminal- und Verschwörungsgefilden gemütlich gemacht, in denen der stoische Buchmacher eine zentrale Rolle zu spielen scheint.

Ob die Darstellung des Krankheitsbildes Autismus hier medizinisch korrekt dargestellt wird ist sicherlich diskutabel, letztlich aber nebensächlich. Der Reiz liegt in dem durchaus gewagten Jonglieren verschiedener Genre-Versatzstücke und in der Variation von vermeintlich dissonanten Stimmungen. Es gibt sowohl brutale, derbe und fiese Momente, aber eben auch dramatische, zärtliche und witzige. Selbst der Humor an sich lotet unterschiedliche Tonlagen aus, ist mal schwarz, mal bösartig, mal hintersinnig. Man kann all dies natürlich auch als mangelnde Fokussierung verurteilen, aber angesichts der starren Formelhaftigkeit des heutigen Hollywoodkinos ist ein solcher Ansatz mindestens eine wohltuende Abwechslung. Zumal die Kompassnadel weder in Richtung Familientauglichkeit, noch in Richtung Feelgood-Movie ausschlägt.

Gavin O´Connor hat zweifellos einen Hang zum Düsteren. Ob im Copthriller „Gesetz der Ehre", der Agentenserie „The Americans", dem Fighter-Drama „Warrior", oder dem Western „Jane got a gun", stets müssen sich die Protagonisten einer extrem feindlich gesinnten Umwelt erwehren und das meist völlig auf sich allein gestellt. So gesehen ist Christian Wolff ein typischer O´Connor-Held. Ein Held mit Ecken und Kanten und ganz bestimmt kein klassischer Sympathieträger. Die Beziehung zwischen Hauptfigur und Zuschauer entwickelt sich erst im Verlauf des Films und wird von Regieseite gewissermaßen nur schrittweise frei gegeben. Eine besondere Qualittät O´Connors, die er vor allem in „Warrior" perfektioniert hat.

Eine solche Strategie kann natürlich nicht ohne adäquate Darsteller aufgehen. So gesehen mag die Wahl des Anfang der 2000er schauspielerisch praktisch abgeschriebenen Ben Affleck wenig sinnig erscheinen. Ein Vorurteil, das sich trotz Afflecks jüngster Erfolge als amtsmüder Superheld („Batman v Superman") und zwielichtiger Ehegatte („Gone Girl") hartnäckig hält. Ein Vorurteil, dass er geschickt zu seinem Vorteil umfunktioniert hat. So greift der inzwischen vor allem als Regisseur wiedererstarkte Star bevorzugt zu Rollen, die seiner wahlweise als hölzern und blasiert geschmähten Ausstrahlung entgegen kommen. Als autistischer Buchhalter und Auftragskiller Christian Wolff hat Affleck nun seinen ganz persönlichen „Terminator" gefunden, Franchise-Chancen inbegriffen. Sein gerne zwischen unbeholfen und überheblich mäanderndes Lächeln passt hier ebenso gut wie sein häufig unbehaglich-distanziertes Auftreten. Darüber hinaus teilt er mit seiner Figur einen ungewöhnlich hohen Intelligenzquotienten mit entsprechend hohem Einschüchterungspotential.
  
Aber auch in der zweiten Reihe tummeln sich darstellerische Glanzlichter. Anna Kendrick ist seit „Up in the air" nicht mehr so erfrischend frech-forsch aufgetreten und setzt einen wunderbaren Kontrapunkt zu ihrem verschlossenem Buchhalterkollegen Wolff. Der inzwischen Oscar-geadelte J.K. Simmons legt zwar wieder mal seine Paraderolle als bärbeißiger und scharfzüngiger Bürohengst auf, ist aber versiert genug, um jegliche Routiniertheitsangriffe gar nicht erst abwehren zu müssen. Ähnliches gilt für den ebenfalls typegecasteten John Lithgow als machtgierigem Firmenmogul, dem man allerdings mehr Handlungsrelevanz gewünscht hätte. Nicht allzu viel Screentime bekommt auch Jon Bernthal, aber was er daraus macht, ist bemerkenswert. Endlich wieder einmal darf der ehemalige „Walking Dead"-Star sein Talent für genießerische Bösartigkeit voll ausspielen, wenn er auch als Antagonist beinahe verschenkt wird. Am Ende lässt O´Connor die Tür aber nicht nur für Bernthal einen ordentlichen Spalt offen.

Für eine mögliche Fortsetzung ist also durchaus noch genügend Pulver vorhanden. Beinahe das gesamte Figurenensemble bietet mannigfaltige Entwicklungs- wie Entfaltungsmöglichkeiten. Ebenso die narrative Grundausstattung. Ein autistisches Mathematikgenie mit Einzelkämpfer-Qualitäten ist auch im mit schrägen Vögeln reichlich bevölkerten Actionzirkus kein Standardprogramm. Vor allem aber lässt der risikofreudige Genremix einige Richtungsänderungen und Schwerpunktverlagerungen zu. Vom Thriller mit doppeltem Verschwörungsboden, über den Krimi mit Rätselcharakter, bis zum zynischen Shootout-Kracher ist alles denkbar. Das Topping aus schwarzem Humor und unterschwelliger Ironie passt ohnehin zu allen Grundrezepten. Sicher ist ein John Wickscher Rain Man nicht jedermanns Geschmack. Aber auch für den Film gilt, an gewagten Würzmischungen scheiden sich gern mal die Geister.

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