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                                               Spaceman.. I always wanted you to go.. into space man...

Wer erinnert sich noch an den Kommerzrock des längst in der Vergessenheit versunkenen 90er Projekts Babylon Zoo? Vermutlich nicht viele. Macht nichts, denn so toll war der ja auch nicht. Jedenfalls wurden schon einmal mit der Bitte um Beistand extraterrestrischen Besuchern Avancen gemacht. Und da dieser Hilferuf inzwischen auch schon wieder zwanzig Jahre her ist, darf Ausnahmeregisseur Denis Villeneuve, der offenbar die Genres wechselt wie andere die Unterwäsche, guten Gewissens einen neuen Versuch wagen. Und der wird so richtig spacig.

Jeder, der sich auch nur ein wenig für kosmische Dimensionen interessiert, weiß zwar, dass das nie passieren wird, aber wenn doch eines Tages Außerirdische auf der Erde vorbeischauen würden, wären die Kerle uns gegenüber wohl gesonnen oder wären das irgendwelche Weltraumganoven? Solche Typen eben, die Will Smith in „Independence Day" genüsslich platt macht? Bei Denis Villeneuve bleibt diese Frage über lange Strecken des Films ungeklärt. Und das macht ihn zunächst auch so interessant. Nachdem nämlich eierförmige Raumschiffe an verschiedenen Orten des Planeten aus dem Nichts auftauchen, erhält Sprachenprofessorin Louise (Amy Adams) von einem Oberst der US-Streitkräfte (Forest Whitacker) das Angebot, einen Versuch der Kommunikation mit den Fremden zu unternehmen. Die alles entscheidende Frage lautet: Was wollen die wie aus Stephen Kings „Der Nebel" stibitzten Siebenbeiner überhaupt hier? Doch während Louise in Zusammenarbeit mit dem Physiker Donnelly (Jeremy Renner) bald Fortschritte macht und nach ein paar Tagen die ersten Worte Außerirdisch spricht, haben sich unter anderem China und Russland dazu entschieden, Nägel mit Köpfen zu machen und den Aliens eins aufs Dach zu bomben. Das Zeitfenster für friedliche Lösungen wird also knapp. Amy und Donnelly müssen nun vollen Schub geben, wenn sie einen globalen Konflikt verhindern wollen.

Doch bei aller gebotenen Eile, die Bilder Denis Villeneuves bleiben ruhig. Keiner rennt, niemand schießt. Und zwar bis zum Schluss. Das sollte man wissen, wenn man wissen will, womit man es bei dieser Begegnung der dritten Art zu tun hat. Der mit „Prisoners" (2013) und „Sicario" (2015) hervorragend beleumundete Kanadier legt seinen Fokus wie bereits „Interstellar" (2014) oder „Contact" (1997) nämlich unmissverständlich auf die Interaktion der Figuren und die Ästhetik der Bilder. Vor allem die schlaue Louise dient ihm als Vehikel, anscheinend dringend Notwendiges mitzuteilen. Ob es die Betonung des diplomatischen Gebots oder die Reflektion über die Unabänderlichkeit des Schicksals ist, Villeneuve lässt sich Zeit mit dem, was ihm am Herzen liegt. Sahen wir mit „Sicario" zuletzt noch einen rasanten Streifen, der sich mit hohem Tempo seinen Weg durch die Magengrube des Zuschauers bahnte, erleben wir nun wiederholt Funkstille. Größere Gemeinsamkeiten ließen sich, auch beim besten Willen, diesbezüglich also nicht vermerken. Außer der, dass der Mann der Regie über ein untrügliches und sehr fein justiertes Gespür für die Intensität bestimmter Szenen verfügt. Hier kitzelt Denis Villeneuve aus dem Potential des Geschehens sozusagen das Maximum heraus. Übrigens im Gegensatz zu Genre-Guru Christopher Nolan, an dessen Prämisse für Interstellar man sich hier leicht anlehnt.

Es kommt die Zeit - in der der Menschheit Großes beschieden sein wird. Oder auch nicht. Die Entscheidung liegt bei uns und unserem guten Willen, nach Lösungen zu suchen. Damit blicken wir jetzt zwar etwas zu sehr hellsichtig in die Zukunft, doch immerhin sind wir damit nicht die einzigen. Wenig zukunftsträchtig allerdings ist die Koketterie, mit der der Regisseur hier einem eigentlich simplen Sachverhalt das Mäntelchen der philosophischen Komplexität überstülpt. Weder würde auch der gelangweilt abwesende Zuschauer nicht mehr begreifen, was es mit dem wiederholt in Parallelmontagen ins Bild gerückten Töchterchen der Protagonistin (zeitlich) auf sich hat, noch könnte irgendjemandem entgehen, was die überdeutliche Botschaft von Villeneuves Graphologiestudien sind. Dabei ist es glücklicherweise einmal mehr so, dass ein zunächst wirres Szenario seine logischen Löcher gegen Ende von der dann zurecht gerückten Zeitleiste gehörig gestopft bekommt. Die über Stunden erduldeten Schlaglichter fügen sich schließlich harmonisch ein ins Licht, das da am Ende des Tunnels auf die Menschheit wartet. Wenn sie denn nur die Reife zeigt, ihrer Kommunikationssucht nachzugeben.

Die Optik seines atmosphärischen Stücks liefert letzten Endes das ausschlaggebende Moment dafür, ob „Arrival" einen länger anhaltenden Reiz besitzt, oder ob er nur ein zunächst nebulöser, bald jedoch recht expliziter Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen bleibt. Aliens wie Settings vermitteln ein Gefühl von stimmiger Science-Fiction, das sich, so steht es zu erwarten, auch beim zweiten und dritten Mal einstellen wird. Vergessen wird dabei sein, dass gerade die philosophische Komponente der Story, im Gegensatz zu Nolans komplexerem, wenn auch lückenhafterem Treiben, im Fokus stand. Das hier gehaltene Plädoyer für eine an einem Strang ziehende Weltgemeinschaft dürfte zwar zeitlos sein, nicht jedoch der neolithische Holzhammer, mit dem diese sicherlich berechtigte Forderung in die Geschichte geklopft wird.

Der auf einer Kurzgeschichte basierende Science-Fiction Film hält, was er verspricht, wenn man sich nicht zu viel verspricht. Er ist schick, aber ohne echten Kick. Der Aha-Effekt stellt sich am Ende der Spielzeit - gefälligst - ein, aber nur dann, wenn man dringend auf der Suche nach ihm ist. Es bleibt wenig Spielraum für sinnvolle Interpretation und gewiss kein Platz für die Suche nach Doppelbödigem. Eine Frage allerdings mag man als frecher, wenn auch dem Regisseur wohlgesonnener Kinofreund stellen: Warum eine ausgebildete Professorin für Linguistik nicht auf den Trichter kommt, das zu tun, was Menschen in Urzeiten schon taten, als man noch keine Schrift kannte und sich dennoch Fremde miteinander sozusagen medial unterhalten wollten. Und zwar, wie die Kinder in unseren Integrationsklassen, einfach Bilder zu malen. Ein paar Buntstifte, etwas Papier - gibt es gratis in der Grundschule. Immerhin eilt es, denn es droht ein interstellarer Krieg. Mit Toten und so. Weder Louise noch Donnelly können nämlich ahnen, weshalb das Skript von ihnen so nachdrücklich verlangt, dass sie die nach einem Mampfen und Tröten klingende Sprache der fremden Tintenfische so dringend lernen sollen. Aber wen schert das? Kein Schaf. Spaceman.. I always wanted you to go... into space man...

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