„Der Eisbrecher"
Actionfilme im Schnee haben immer ein ganz besonderes Flair. Ob es die rauen, unwirtlichen Bedingungen sind, die Mutter Natur zum zusätzlichen Feind werden lassen. Ob es daran liegt, dass sich das rote Blut hier besonders stark abhebt und damit den Brutalitätsfaktor gefühlt deutlich erhöht. Oder ob schlicht Genreklassikern wie „Cliffhanger", „Die harder", „The Long Kiss Goodnight", „Nevada Pass", „Il Grande Silencio" und „Where Eagles Dare" die Ausnahmestellung begründeten, Eis, Schee und Kälte sind einfach ein zwar eher seltenes, aber umgemein intensives weil hartes, kontrastreiches und bedrohliches Setting.
Aktuell sind diese Vorzüge mal wieder im Genrestück „Braven" zu bewundern. Objektiv ein aboslut formelhafter B-Reißer, sorgt die verschneite Bergwelt Neufundlands für den entscheidenden Kick. Regienovize und Ex-Stuntman Lin Oeding weiß ganz genau um diesen Trumpf. So nimmt er sich anfangs viel Zeit, um Leben und Lebensraum seines Helden zu erkunden. So lernen wir Joe Braven (Jason Momoma) als toughen Holzarbeiter kennen, der sich liebevoll um Frau, Tochter und den demenzkranken Vater (Stephen Lang) kümmert. Mit Panoramabildern der kanadischen Winterlandschaft wird das einfache, entbehrungsreiche Leben wirkungsvoll bebildert. Hier, so die simple, aber überzeugende Botschaft, kann nur ein harter, aufrechter Charakter bestehen.
Im kernigen Actionfilm ist die Skizzierung des harten Naturburschen ein gern genommenes Motiv. Sämtliche Genrestars - von Schwarzenegger („Commando") und Stallone („Cliffhanger"), über Seagal („Fire down Below", „On Deadly Ground"), Norris („McQuade", „Invasion U.S.A.") und Statham („Homefront") - haben schon die phönixgleiche Genese vom Holzfäller zur Ein-Mann-Armee durchexerziert. Nun also darf sich Jason Momoa das grob karierte Arbeitshemd überstreifen und damit den Feind in falscher Sicherheit wiegen. Und der hühnenhafte Hawaianer kann in diesem illustren Kreis bestens bestehen, schleißlich ist er kein ubeschriebenes Holztäfelchen. Vom archaischen Barbarenkönig („Game of Thrones", „Conan"), über den brutalen Henchman („Shootout"), bis hin zum Superhelden (aktuell im Kino als „Aquaman") hat er bereits die ganze Bandbreite der gängigen Muskelprotz-Engagements absolviert, da ist ein rot sehender Blogger quasi eine Fingerübung.
Und die wird hübsch schörkellos abgewickelt. Ein paar böse Buben setzten ihren Sattelschlepper auf eisigem Grund gegen einen stattlichen Polter. Die geschmuggelten Drogen müssen flugs weg, bevor die örtlichen Gesetzeshüter anrücken. Also verstecken sie die heiße Ware in einer abgelegenen Blockhütte, um sie am Folgetag zu holen. Das erweist sich als unerwartet problematisch, denn das remote Domzil dient Vater und Sohn Braven als Jagdunterkunft. Dumm gelaufen ...
Was folgt, man ahnt es schon hoffnungsfroh, ist eine heiße Schnitzeljagd im eiskalten Hinterland. Beim Zusammenprall mit den beiden Bravens holen sich die Gangster nicht nur blutige Nasen und müssen auf schmerzlichste erfahren, wozu ein paar in die Enge getriebene Naturburschen in der Lage sind. Mit Bogen, Äxten, Feuer, Jagdgewehr und der bloßen Muskelkraft geht es zwar reichlich rustikal zu, die Ergebnisse sind dafür umso brachialer und vor allem endgültiger. Die anfangs noch im Vordergrund stehenden Charakterszenen zerstieben dabei fröhlich im Schneegestöber, soll heißen Oeding entfesselt ein lupenreines B-Szenario nach altbewährtem Schema. Das ist in seiner vordergündigen Simplizität erfrischend ehrlich und erfreulich schwungvoll.
Natürlich hilft es, wenn man ein Duo wie Momoa und Lang in die Schlacht werfen kann. Letzterer ist ein absolut verlässlicher Charakterkopf und das hawaianische Ex-Model eine Charisma-Bank vom Schlag eines Dwayne Johnson. Viril, präsent und von bärenhafter Statur pflügt er ohne Rücksicht auf Verluste durch die bemitleidenswerte Gegnerschar und lässt so zarte Erinnerungen an einen gewissen österreichischen Bodybuilder aufkommen. Dahin ist es natürlich noch ein weiter Weg, aber wenn er anders als „The Rock" nicht dauerhaft den monetären Verlockungen des kreuzbraven Familien- und Massenentertainment nachgibt, dann haben wir neben Jason ein zweites heißes Eisen im Action-Feuer. Der Mann bringt Eis zum Schmelzen und kann gern auch der Wüste einheizen.