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„Antihelden auf Kollisionskurs"

„Bad boys, bad boys ...." Will Smith begann seine Superstar-Karriere als böser Bube. Was liegt da näher die inzwischen arg ins Trudeln geratene Glanzzeit auf dieselbe Art wieder zu beleben? Gut, so richtig böse war „Big Willie" in Michael Bays CopActioner "Bad Boys" natürlich nicht, um ehrlich zu sein steckte unter der rauen Schale ein ganz weicher Kern. Der Auftragskiller Big Shot im dem neuesten Versuch DCs die Vormacht von Marvel endlich zu brechen, ist da ganz ähnlich gestrickt. Denn der gefährlichste Hitman der Welt tötet zwar aus rein monetären Motiven, hat aber dennoch einen Ehrenkodex. Frauen und Kinder sind tabu. Schließlich hat er selbst eine halbwüchsige Tochter, bei der der eiskalte Profi butterweich wird. Ein typischer Willie-Charkter eben und genau das ist eines der zahllosen Probleme von „Suicide Squad".

Zunächst eimal ist die Grundidee durchaus sinnig. All den strahlenden Superhelden in schimmernden Rüstungen und wehenden Capes endlich mal eine schar rotziger Charakterschweine entgegen zu knallen. Und damit mal ordentlich frischen Wind in das arg festgefahrene Genre zu pusten. Dazu kommt der auf Krawall, Nihilismus und finstere Helden spezialisierte David Ayer, der dieses Talent allerdings mal mehr („Street Kings", „End of Watch", „Sabotage") mal weniger („Harsh Times", „Herz aus Stahl") überzeugend unters Volk brachte.   
Dummerweise hatte Konkurrent Marvel aber auch hier schon wieder vorgelegt. Die Chaostruppe „Guardians of the Galaxy" und der Metzel-Superheld „Deadpool" setzten äußerst erfolgreich auf die vier Asse Frechheit, Blut, Derbheit und schwarzen Humor. „Suicide Squad" wirkt damit schon weit weniger originell als ursprünglich erhofft und muss den gegnerischen Schlag mehr parieren als selbst Akzente setzen zu können.  

Anfangs scheint die gewagte Rechnung tatsächlich aufzugehen. Unterlegt von perfekt ausgewählten Rockklassikern (u.a. „House of the Rising Sun", „Sympathy for the Devil") wird das Team aus Antihelden knallig vorgestellt. Im Fokus stehen dabei eindeutig Will Smiths „Deadshot" und die Ex- Psychiaterin Harley Quinn (Margot Robbie). Quinn sollte den Joker (Jared Leto) therapieren, wurde aber von diesem verführt, umgedreht und steht ihm seitdem in Sachen Wahnsinn, Durchgeknalltheit sowie ekstatischer Anarchie in nichts nach. Komplettiert werden die allesamt in dem Hochsicherheitsknast „Belle Reve" verwahrten Superverbrecher durch den Meisterdieb „Captain Boomerang", den kannibalistischen, Reptilienmenschen „Killer Croc",  sowie den lebenden Flammenwerfer und Ex-Latinogang-Mitglied „El Diablo". Zusammengeführt werden sie von der nicht minder skrupellosen und eiskalten Regierungsagentin Amanda Waller (Viola Davis), die jedem „Rekruten" eine jederzeit aktivierbare Sprengkapsel in den Hals schießen lässt. Auch wenn die jeweiligen Introducing-Sequenzen immer kürzer werden, ist diese anfängliche Vorstellungsrunde die einzig wirkliche Stärke des Films, der im Anschluss in halsbrecherischen Tempo abbaut.

Das beginnt bereits mit dem Gegner. Um einen Trupp gemeingefährlicher Schläger, Killer und Psychopathen von der Leine zu lassen, hätte man sich einen etwas illustreren und mondäneren Anlass gewünscht als ein okkultes Maya-Hexen-Geschwisterpaar („Enchantress" und „Incubus"), das eine Armee von Monstern sowie eine Waffe zur Zerstörung der Erde erschafft. Das ist genauso blöde und krude wie es sich anhört. Am Ende mündet wieder alles in die sattsam bekannte, sterile wie lärmige CGI-Zerstörungsorgie, mit der schon das Finale des DC-Titanentreffens „Batman versus Superman" nervte. Es passt auch nicht zum anfänglichen, rauen Straßenkämpferton, der immer mehr in bräsige Fantasy-Gefilde abdriftet. Dazu passt dann auch das ärgerliche Paradox, dass die Hälfte des Suicide Squad mit ihren episch eingeführten Fähigkeiten in der Endschlacht so gut wie nichts ausrichten kann.

Dieses letztendliche Nichts an einer halbwegs interessanten und in sich schlüssigen Geschichte wird dann auch noch durch teilweise verschenkte bzw. nervtötend umgesetzte Figuren endgültig zerschossen. Jared Leto legt sich mächtig ins Zeug als Batman-Nemesis Joker, kann dabei aber nicht einmal ansatzweise die monströse Gefährlichkeit geschweige denn die düstere Faszination entwickeln, die Heath Ledger so eindrucksvoll aus seiner letzten Rolle heraus holte. Überhaupt ist die Figur des Joker für die Handlung reichlich irrelevant und dient offenbar lediglich als Pausenclown für ein paar durchgeknallte Stelldicheins mit seiner geliebten Harley. Da ist es fast schon konsequent, dass auch sie so gar nicht funktionieren will. Margot Robbies exaltiertes Spiel degradiert Quinn zu einer nervigen Schizo-Göre, der man spätestens ab der Filmmitte den kurzen und schmerzlosen Abgang wünscht. Ihre doofen Sprüche sind aufgesetzt cool, ihre betont luderhafte Körpersprache zunehmend peinlich. Dazu kommen dann noch ein paar unnötige Cameos von Batman/Bruce Wayne (Ben Affleck) und Flash. Hier sollen wohl - wie von Marvel vorgemacht - kommende Film vorbereitet und der Universum-Charakter DCs angedeutet werden. Auch sind Vordergündigkeit und Brechstange unverkennbar, was insgesamt ein Problem der Inszenierung ist. Regisseur David Ayer scheint jegliches Gespür für seine Figuren abzugehen, die er wie in einem MTV-Videoclip lediglich nach ihren optischen Vorzügen einsetzt, womit der ganze Film wie eine wahllose Aneinanderreihung möglichst „geiler" Shots daher kommt.   

Und „Big Willlie"? Smith bemüht sich sichtlich, dem ganzen planlosen Lärm so etwas wie Struktur und Geschlossenheit zu vermitteln. Deadshot ist immerhin auch der heimliche Anführer des Selbstmordkommandos, was auch der von der US-Regierung zugeteilte Anstandswauwau Oberst Flag schlussendlich akzeptiert. Smith ist als einziger Sympathieträger tatsächlich ein halbwegs funktionierendes Bindeglied zwischen Publikum und Ayers katastrophaler Inszenierung. Gleichzeitig passt sein Charakter aber damit auch nicht so recht zu der Prämisse, möglichst hässliche Superhelden in den Kampf zu schicken. Auch das eine der vielen Ungereimtheiten und Unstimmigkeiten des insgesamt wenig geglückten Projekts.

Wenn sich der ganze Rauch verzogen hat, kommt nicht viel ermutigendes zum Vorschein. Ein toller Soundtrack, eine schmissige Vorstellungsrunde derber Antihelden und ein tapfer gegen seinen schwindenden Superstarstatus anspielender Will Smith. Ansonsten bleibt leider viel beim Alten im DC-Universum. Verkrampfte Klotzerei, visueller Bombast und eine bleierne Schwerfälligkeit. Shakespeare ausgerechnet in diesem Zusammenhang zu zitieren mag befremden, aber immerhin hat er ein Stück zum Thema geschrieben: „Viel Lärm um nichts".

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